Kreative Vernunft

Buch

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Gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen

312 Seiten

CHF 22.00, EUR 22.00

ISBN: 978-3-85990-151-3


2 Rezensionen

Kreative Vernunft – unter diesem Leitmotiv präsentiert dieses Buch von Maja Wicki-Vogt Frauenporträts und Reflexionen zu einer dialogischen Kultur, in der Angst und Macht in ihren Wechselwirkungen befragt werden. Dabei werden bemerkenswerte Denkerinnen aus zwei Jahrhunderten untersucht, die sich schonungslos mit ihrer eigenen Lage auseinandergesetzt und sich gleichzeitig für politische und soziale, frauen- und friedensrechtliche Ziele eingesetzt haben, oft tragisch scheiternd.
Kreative Vernunft ist in der jeweiligen Zeit Ärgernis und Ansporn zugleich. Sie manifestiert sich in der Suche nach Übereinstimmung von Denken und Empfinden, von Intellekt und Psyche, so dass Handlungsentscheide und deren Folgen tragbar und verantwortbar werden.

In den vorliegenden Untersuchungen wird deutlich, dass der Kampf gegen widrige Umstände in erster Linie des offenen Wortes bedurfte; dass das Durchbrechen eines den Frauen verordneten Schweigens nicht selbstverständlich war. Einleitend werden daher Vorläuferinnen der Frauenemanzipation wie Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Flora Tristan sowie Romantikerinnen wie Rahel Varnhagen und Dorothea Schlegel vorgestellt. Danach konzentriert sich die Auseinandersetzung auf acht Frauen vom Übergang des 19. zum 20. Jahrhundert bis heute. Dazu zählen berühmte Persönlichkeiten wie Simone Weil und Hannah Arendt, weniger bekannte wie Bertha Pappenheim und Etty Hillesum, ins Verborgene zurückgedrängte wie Regina Kägi-Fuchsmann und Margarete Susman, umstrittene wie Rosa Luxemburg und Ulrike Marie Meinhof. Die Aufarbeitung der Zeit- und Lebensgeschichte dieser Frauen verbindet sich mit der sorgfältigen Analyse ihres Denkens und Verhaltens anhand ihres reichhaltigen Werks.
Maja Wicki-Vogt vermag mit diesem doppelten Ansatz, selbst bei scheinbar bekannten Personen neue, überraschende Einsichten zu gewinnen. Sichtbar werden glühende, mitreissende und zugleich nachdenklich stimmende Leben. Deutlich wird zudem ein Netzwerk gegenseitiger Bezugnahmen, und dokumentiert wird eine Europa betreffende alternative, oft jüdisch geprägte Kultur, in die auch die Schweiz vielfältig verknüpft ist.
Die Untersuchungen der einzelnen Frauenleben werden in theoretischen Texten erweitert. Es geht dabei um die schöpferische Kraft von Visionen, um ein Freiwerden von Angst und Hass sowie um eine Kultur des dialogischen Verstehens, die politisch höchst aktuell bleibt. So knüpft dieses Buch an historische Traditionen an, um zur Bewältigung der Gegenwart beizutragen.

Rezensionen

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Die «verborgene Geschichte»

Petra Mühlhäuser / St. Galler Tagblatt / 26.1.10

Die Frauen, mit denen sich die Psychotherapeutin Maja Wicki in ihrem Buch auseinandersetzt, haben sich «gegen den grossen Strom zu halten versucht».

Petra Mühlhäuser

Kreative Vernunft – was zunächst nach harmloser Ratgeberliteratur klingen mag, ist ein mühevoller Erkenntnisprozess. Die Philosophin, Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin Maja Wicki-Vogt bezeichnet so jene «Gegenkraft zu Angst und Gewalt», die aus der Notwendigkeit entstehe, schwerwiegende Entscheidungen fällen zu müssen. «Kreative Vernunft» – so heisst auch ihre Studie über ein gutes Dutzend ausserordentlicher Frauen zwischen dem Ende des 18. und der Mitte des 20. Jahrhunderts, von den Vordenkerinnen der Emanzipation bis zur RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Auf Einladung des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte liest sie morgen im Kult-Bau daraus vor.

Denken und Empfinden

Sie verknüpft darin Lebensgeschichte und Entwicklung dieser Frauen mit der Geschichte ihrer Zeit. Diese Frauen hätten «herkömmliche Positionen religiöser Zugehörigkeit und politischer Theorien» in Frage gestellt, wie es in der Einleitung zum Buch heisst, gesellschaftliche Missstände nicht nur angeprangert, sondern Veränderungsmöglichkeiten entworfen. In ihren Entscheidungsprozessen hätten sie «Verstand und Logik mit ihren Empfindungen derart in Einklang gebracht, dass die Folgen für sie tragbar wurden», sagt Wicki. Das bedeutete oft einen Weg des Widerstandes.

«Das denkende Herz»

Die Lesung zum Holocaust-Gedenktag wird vor allem der niederländisch-jüdischen Denkerin Etty Hillesum gewidmet sein, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Eine eindrückliche Persönlichkeit: Sie wollte «das denkende Herz» ihrer Baracke sein – diesen Anspruch an sich selber schrieb sie vor der Deportation in ihr Tagebuch. Und unter diesem Titel wurden nach dem Krieg ihre Aufzeichnungen in der deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Den Begriff hat Maja Wicki aufgenommen. Es ist für sie dieses denkende Herz, das kreative Vernunft hervorbringt. Und es ist die kreative Vernunft, «die den einzelnen Menschen, der sich gegen den grossen Strom, gegen Enttäuschungen und Erschöpfung zu halten versucht, trägt und manchmal sogar beflügelt». Frauen hat sie gewählt, weil die «immer wieder übergangen worden sind».

Viele tragische Geschichten

Viele dieser Frauenleben endeten tragisch. Manche, so kommt es Maja Wicki vor, verbrauchten in diesem Erkenntnisprozess ihre Kräfte und starben früh; die Philosophin Simone Weil etwa. Andere verstrickten sich in die Unbill ihrer Zeit. Zum Beispiel Ulrike Meinhof, die eine scharfsinnige Journalistin war, sich für rechtlose Kinder einsetzte und dann zur Gewalttäterin wurde. All diese Frauen erlebten die «destruktive Geschichte», die Europa immer wieder durchgemacht habe, die Geschichte von Gewalt, Diskriminierung, gesellschaftlichen Missständen. Und doch: «Es gibt die verborgene Geschichte», sagt sie, «die sich dem nicht unterworfen hat. Die dem standgehalten hat.»