"Mit dem Kopf in der Globalisierung, mit den Füssen im Garten"

Leseprobe


Russland ging nur voran

Wir leben im Umbruch. Die Zahl der Menschen auf unserem Planeten wächst, die Zahl der bezahlten Arbeitsplätze jedoch nicht. Der Verbrauch an Energie steigt, die natürlichen Ressourcen nehmen ab. Neue Kräfte haben sich entwickelt, die nach dem Ende der Systemteilung auf Beteiligung drängen, alte Werte verlieren ihre Gültigkeit, bisherige Utopien der sozialen Gerechtigkeit haben ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst. Was Sozialismus hiess, wird privatisiert, Kapitalismus globalisiert, ohne eine ausreichende Antwort auf die neu entstehenden sozialen und kulturellen Probleme des 21. Jahrhunderts geben zu können. Mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus und einem Kreuzzug für die westlichen Werte werden die ungelösten Probleme vielmehr zu einem Kampf der Kulturen polarisiert, der, wenn er nicht gestoppt wird, letztlich nur in einem Krieg aller gegen alle enden kann.

Wo finden wir in diesem Prozess der globalen Entgrenzung unseren neuen Ort, unsere neue Identität, unsere neuen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebensentwürfe, die uns ein Überleben im 21. Jahrhundert ermöglichen? Vieles wurde dazu bereits zusammengetragen. Zuletzt waren es die Welt-Sozialforen in Porto Alegre und danach in Mombay, die die vielfältigen Forderungen nach neuen Formen des Wirtschaftens und Lebens zusammenführten, die aus der globalen Krise erwachsen. Weitere Foren sind angekündigt. Die Schaltstellen der Globalisierung wie der Internationale Währungsfonds IWF, die Welthandelsorganisation WTO, die Treffen der G7, beziehungsweise G8 gleich ob in Davos (Schweiz) oder anderswo, müssen hinter Gittern durchgeführt werden oder sich den Kritikern öffnen. Eine breite Literatur entwickelt sich. Kaum gehört jedoch wird bisher die Stimme Russlands, genauer, werden die vielen Stimmen aus der nachsowjetischen Welt, die Zeugnis darüber ablegen, was aus dem Versuch geworden ist, den realen Sozialismus zu privatisieren und welche Lehren daraus zu ziehen sind.

Ohne Berücksichtigung dieser Erfahrungen muss die Suche nach Alternativen jedoch einäugig bleiben, eine Fortsetzung des Lagerdenkens, das den eisernen Vorhang noch nicht überwunden hat, denn so wahr es ist, dass die heutige Situation aus der Wiedervereinigung unserer in "Kapitalismus" und "Sozialismus" geteilten Welt hervorgegangen ist, so wahr ist es, dass die Suche nach dem weiteren Weg nicht an den Erfahrungen vorbeigehen kann, die mit dem Versuch gemacht wurden, die sozialistische Utopie, genauer, das, was davon übrig blieb, zu privatisieren. Die Ergebnisse dieses Versuchs sind auf den ersten Blick wenig attraktiv, sondern destruktiv, ja, chaotisch und bedrohlich, erscheinen als eine brutale Steigerung des Kapitalismus bis ins Mafiotische, alles andere als geeignet für die Suche nach Alternativen zur globalen Krise. Gerade aus diesen Erfahrungen jedoch wachsen Impulse für die zukünftige Entwicklung unserer globalen Gesellschaft - vorausgesetzt, man versteht die Pendelschläge historischer Entwicklungen zu lesen und sucht mit scharfen Augen und mit offenem Herzen. Zu dieser Suche sollen hier Anstösse gegeben werden.

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An Russland ist ein paradoxer Prozess zu beobachten: Seit zwanzig Jahren leben die Menschen Russlands in einer Dauerkrise, die sich ihrerseits als Bestandteil der globalen Krise erweist. Wer heute an Russland denkt, denkt an schrumpfende Bevölkerungszahlen, sinkende Lebenserwartung, eine sich brutalisierende, sich in wenige superreiche Oligarchen und eine verarmende Mehrheit differenzierende Gesellschaft, denkt an nicht gezahlte Löhne, an zusammenbrechende Versorgungsstrukturen, an Mafia, Drogensucht, Aids, steigende Selbstmordraten, den staatlich provozierten Terrorismus in Tschetschenien. Neuerdings setzt Russland dazu an, den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas den Rang als Billiglohnland abzulaufen - zumal die russischen Arbeitskräfte zugleich hoch- bis überqualifiziert sind.

Aus westlicher Sicht ist Russland auf das Niveau eines Entwicklungslands abgesunken, dessen Armut und chaotische innere Verfassung auch den westlichen Lebensstandard bedroht. So wurde Russland in der westlichen Wahrnehmung zum kranken Mann der Globalisierung, der mit grossem Misstrauen beobachtet wird. Aber je länger die russische Krise andauert, desto stärker treten die Kräfte hervor, mit denen die Menschen, die nicht zu den Krisengewinnern gehören, die Krise überleben. Es bilden sich Not- und Überlebensgemeinschaften, in denen man den Alltag unterhalb der Geldgrenze gemeinsam organisiert. Je mehr das alte, das sowjetische Russland schrumpft, desto mehr gewinnen die hervortretenden Überlebenskräfte an Bedeutung für den russischen Alltag.

In Russland zeigt sich exemplarisch, dass Geld, so sehr es jene, die es haben, befreit und ihnen internationale Mobilität verleiht, in einer hochindustrialisierten Gesellschaft nicht alles ist, dass Globalisierung, aller Brutalität zum Trotz, nicht einfach die gewachsene - lokale, regionale oder kulturelle - Identität verdrängen und ersetzen kann, sondern dass Mischformen zwischen "Kapitalismus" und "realem Sozialismus" entstehen. Es zeigt sich, dass der sich selbst verwertende Kapitalkreislauf nicht die einzige Möglichkeit und nicht der letzte Zweck des Lebens ist, auch wenn ein Land sich für den Weltmarkt geöffnet hat. Die Krise aktiviert zwar den Trend zu Egoismus, Selbstbereicherung und Skrupellosigkeit gegenüber sozialer Ungleichheit, aber sie provoziert als Gegenreaktion zugleich Elemente gegenseitiger Hilfe auf der Basis der Selbstversorgung.

Das sei immer und überall so in Zeiten der Not, winken westliche Analytiker ab, zum Beispiel in der Nachkriegszeit Deutschlands. Nichts Besonderes also. Im Zug der Überwindung seiner Krise werde Russland, wie jedes andere Land der Welt auch, den normalen kapitalistischen Weg gehen, einen anderen gebe es heute nicht. Aber sind die Überlebenskollektive, die man in Russland nach fünfzehn Jahren Privatisierung heute beobachten kann, möglicherweise nicht erst Ergebnis der Krise, sondern Voraussetzung ihrer Bewältigung? Wo liegt die Quelle der Kraft, welche die Menschen befähigt, diese Krise zu überstehen? Wann wird aus einer Notlösung eine Dauerlösung? Wie kommt es, dass die russischen Menschen trotz akuter Dauerkrise nicht verhungern? Muss man sich damit zufrieden geben, diese Frage durch Hinweise auf die unerklärbare "russischen Seele" zu beantworten? Oder gibt es benennbare Bedingungen? Ist Russland ein Sonderfall oder ist seine Entwicklung auf andere Länder übertragbar?

Russland ist ein Sonderfall. Das frühe Moskowien, das zaristische Russland und dann die Sowjetunion sind den Sonderweg gegangen, die archaische Bauerngemeinschaft, russisch Obschtschina, zum Muster ihrer Staatsorganisation zu erheben. In der Sozialstruktur der Obschtschina vereinten sich Zentralismus und bäuerliche Urdemokratie zu einer Lebensweise, in der das Prinzip der gegenseitigen Hilfe nicht nur praktisch notwendig, sondern als Ergebnis einer langen Geschichte auch moralischer Konsens war. Nicht von ungefähr war es ein Russe, Fürst Pjotr Kropotkin, der das Prinzip der gegenseitigen Hilfe in der Natur und Gesellschaft theoretisch zu begründen versuchte. Die russische Sonderentwicklung ist selbstverständlich nicht einfach auf andere Länder zu übertragen: Im Westen wurde die Allmende fast vollkommen privatisiert. In den Clanwirtschaften östlicher Völker blieb das individuelle Element andererseits in der Regel unterentwickelt, Geister wie Kropotkin werden in Russland nach einem langen Umweg über den Westen jetzt wieder entdeckt.

Aber gerade wegen seines Sonderwegs hat Russlands Krise tiefe Auswirkungen auf die gesamte gegenwärtige Entwicklung. Erstens wurde Russland nach der Revolution von 1917 in einer atemberaubenden Beschleunigung gesellschaftlicher Entwicklung zum Inbegriff der Machbarkeit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der nun vor den Augen der ganzen Welt in katastrophaler Weise an seine Grenzen stösst. Zweitens ist Russland auch nach dem Zerfall der Sowjetunion noch die grösste Landmacht des Globus. Drittens ist Russland das Herzland Eurasiens, das heisst, es ist der Impulsgeber für den Rhythmus in diesem Gebiet und damit ein entscheidender Faktor für die globale Entwicklung, fördernd wie auch hemmend. Und nicht zuletzt bringt die Einmündung der russischen Entwicklung in den Strom der Globalisierung die Dynamik des russischen Sonderwegs zwischen östlichen und westlichen Lebensformen, zwischen Zentralismus und Anarchismus, zwischen Kollektivismus und Individualismus, zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die sich in der Geschichte und der Aktualität der russischen Gemeinschaftsstrukturen niederschlagen, als Impuls in die allgemeine globale Entwicklung ein.

Einige Aspekte dieses globalen Wandlungsprozesses sollen hier voran gestellt werden.

Nachdem Russland lange als der kranke Mann des Globus galt, ist seit dem 11. September 2001 offenbar, dass auch der Westen, allen voran die USA, sich in der Krise befindet. Die russische wie die westliche Krise, insbesondere die der USAü sind Teil einer allgemeinen Krankheit der heutigen Industriegesellschaft, die sich im Übergang von expansiver zu intensiver Entwicklung befindet. Die USA reagieren allerdings diametral anders als vor ihr die UdSSR: Statt mit Perestroika und Transformation antworten sie mit ideologischen Verhärtungen und imperialen Ambitionen, welche die notwendige Intensivierung verschieben und gefährden.

Eine plurale Welt ist herangewachsen, die nach multipolarer Ordnung verlangt. Über den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, sowie den Kalten Krieg vollzog sich die schrittweise Entkolonialisierung der von Europa und den USA beherrschten Welt. Heute wollen die ehemaligen Kolonien die Welt mitgestalten und sie haben die Basis dazu. Aus der bipolaren Welt geht keine monopolare hervor, wie die USA es sich wünschen, sondern eine plurale, auf Kooperation aufbauende. Die USA und ihre Verbündeten wollen diese Entwicklung nicht akzeptieren, sie rüsten zur präventiven Verteidigung ihrer augenblicklichen Vorherrschaft und gegenwärtigen Privilegien.

Der Druck der Globalisierung erzwingt aber neue sozial-ökonomische Strukturen, die aus der Not des Überlebens entstehen. Sie bewegen sich nicht mehr im Entweder-Oder von "sozialistisch oder kapitalistischÜ, von freiem Markt oder Dirigismus, individueller oder kollektiver Produktion, Natur oder Technik, Stadt oder Land. Vielmehr zeigt eine Symbiose von Industrie und Selbstversorgung, von kollektiver und privater Produktion, von Technik und Natur, von Stadt und Land, die es in Ansätzen schon immer gab, nunmehr Anzeichen, sich zum übergreifenden Modus Vivendi zu entwickeln.

Eine Ethik ökologischer Verbundenheit entwickelt sich unter der absterbenden Haut der kriselnden Industriegesellschaft, die über Freiheit und Gleichheit hinaus die Verwirklichung von gegenseitiger Hilfe fordert, das ist die bisher vernachlässigte Brüderlichkeit. Fortschritt ist in diesem neuen Denken nicht mehr nur technischer Fortschritt, Nutzen nicht mehr nur persönlicher Nutzen, Effektivität nicht mehr nur Selbstverwertung von Kapital. Fortschritt, Nutzen und Effektivität werden in dem neu wachsenden Verständnis an der Fähigkeit gemessen, die Verbindung zwischen Gemeinschaft und dem einzelnen Menschen, zwischen der menschlichen Gesellschaft und anderen Lebewesen der Erde, zwischen der Erde und dem Universum zu erhalten, zu pflegen und immer wieder neu zu gestalten.

Mentale Ebenen dieser Entwicklung sind: Die Krise der Pyramide als Modell von Gesellschaft, die Erinnerung an das Labyrinth, die Selbstorganisation in der Gemeinschaft. Bilder sind: Der Garten, der in die Stadt zurückkehrt, die Jurte mit Sonnenkollektor, der Fremde als geehrter Gast. Der wesentliche Schritt liegt in der Überwindung des dualistischen Denkens und dem Übergang zu einem Weltverständnis, in dem Chaos und Ordnung nicht mehr als statische Gegensätze verstanden werden, sondern als ineinander übergehende und sich beständig erneuernde Zustände von Wechselwirkungen, deren höchste Erscheinungsform das Leben ist.

Diese Aspekte bilden die Basis für die folgenden Gespräche und Essays.

Kapitel 1
Was ist das Russische an Russland?
Geschichte und Aktualität des russischen Korporativismus

Bedingungen und Geschichte

Russland ist - entgegen weitverbreiteter Vorstellungen - nicht Europa. Es ist der Raum zwischen Asien und Europa. Es ist aus den grossen Völkerbewegungen entstanden, die im Lauf der Geschichte vom Osten des eurasiatischen Raums nach Westen und vom Westen nach Osten, zwischen Pazifik und Atlantik hin und her fluteten. Das waren die Hunnen kurz nach der Zeitenwende bis zum Höhepunkt ihres Sturms unter Attila im fünften Jahrhundert, das waren die Mongolen im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, danach noch einmal die Türken. In der Gegenbewegung, immer wieder von Westen nach Osten, der Deutschritterorden, die Russen selbst, Napoleon, zuletzt Hitler.

Russland war die Vielvölkerordnung, die sich aus diesen Völkerbewegungen herausbildete. Das russische Imperium entstand in der europäischen, christlichen Gegenbewegung zum mongolischen Weltreich, im Zuge einer Kolonisation, die den mongolischen Einfluss Schritt für Schritt - hier kämpfend, dort in geschickter Bündnispolitik - nach Osten zurückdrängte, dabei aber die Raumordnung der Mongolen, ihre Herrschafts- und zu geringeren Teilen auch ihre Sozialstruktur, insbesondere deren nomadische Elemente, als Eigenes adaptierte, transformierte, integrierte.

Im Jahrhunderte dauernden Mit- und Gegeneinander, in wechselnden Bündnissen, Kriegen, Revolten und Kämpfen ging vor allem die mongolische Gefolgschaftsordnung auf das russische Imperium über. Das bedeutet im Wesen: Völker, Stämme, auch Fürsten ordnen sich der Zentralgewalt unter, welcher sie den Zehnten als Tribut zahlen und Heeresfolge leisten. Im übrigen können sie nach ihren eigenen Traditionen und Gesetzen unter eigener Führung leben. So wie vorher der Gross-Chan, wurde der Moskauer Gross-Fürst, später der Selbstherrscher aller Reussen, der Zar, zur Klammer, welche die vielen verschiedenen Völker, Kulturen und Länder des eurasiatischen Raums mit eisernem Griff verband, während die Menschen in den Weiten des Landes ihren Alltag nach eigenen Vorstellungen lebten.

Russland ist auch klimatisch nicht Europa. Russland erstreckt sich über sieben Zeit-, dazu von Norden nach Süden über nahezu sämtliche Klimazonen, vom Polargebiet bis zur Hitzewüste, in denen die unterschiedlichsten Bedingungen für Ackerbau, Viehzucht und menschliche Lebensführung bestehen. Darunter bilden solche, wie wir sie aus Europa kennen, den kleinsten Teil. Entsprechend unterscheiden sich die Wirtschaftsräume Russlands voneinander. Das alte Moskau hat es nie geschafft, diese ungleichzeitigen Entwicklungen zu egalisieren. Erst der Sowjetunion gelang es, die unterschiedlichen Entwicklungen über eine gewisse Zeit und in einem beschränkten Mass zu vereinheitlichen. Das hat gewaltige Entwicklungskräfte freigemacht; genau daran ist die Union allerdings auch, nachdem sie ihre Schuldigkeit als Anschubmotor getan hatte und sich zur Bremse wandelte, auseinandergebrochen.

Unter all diesen Bedingungen entwickelte sich die besondere Struktur des russischen Imperiums, geografisch, ökosozial, mental: Das Zentrum als politische Klammer - vor Ort die korporative, nach aussen autoritäre, in sich nahezu basis-demokratische Einheit. Diese Einheit war das Volk, das Fürstentum, der Stamm, die Kultur- oder Religionsgemeinschaft, die Stadt und schliesslich das Dorf, alles in vielfacher Weise einander überlagernd. Im Dualismus von Zar und Dorf - oder an Stelle des Zaren: Kirche, Gutsherren - fand diese Grundordnung schliesslich ihre institutionelle, staatstragende Grundform.

Die Dorfgemeinschaft war die Verwaltungseinheit des Zarismus, sie hatte entsprechend der Anzahl der in ihr gemeldeten "Seelen" Steuern und junge Männer für den Kriegsdienst abzuführen. Im übrigen war sie für ihre wirtschaftliche Entwicklung und ihre inneren Verhältnisse selbst verantwortlich. Nach aussen wurde die Gemeinschaft durch den Dorfältesten vertreten. Dessen Entscheidungen waren, war er einmal gewählt, widerspruchslos hinzunehmen; nach innen genoss das Dorf Selbstverwaltung. Innerhalb der Gemeinschaften wurden Entscheidungen, wir würden heute sagen, basisdemokratisch auf Grundlage einer gemeinschaftlichen Eigentumsordnung in einer Mischung aus Konsens- und Mehrheitsprinzip getroffen. Die wichtigste Einrichtung war die regelmässig für jede Generation neu in öffentlicher Versammlung vorgenommene Umverteilung des Gemeineigentums. Dabei wurde das Land nach Zahl der Köpfe an die einzelnen Familien des Ortes zur zeitlich begrenzten Nutzung übergeben. Auch dies vollzog sich in öffentlicher Versammlung und durch Zuruf. Später ging aus der Tradition der Dorfgemeinschaften auch noch das Artel hervor, eine den westlichen Gilden vergleichbare Arbeitsorganisation, in der zunächst die Bauern, danach auch städtische Arbeitskräfte gemeinsam ihre Arbeitskraft anboten. Anders als im Westen blieben die Artels jedoch ihrem dörflichen Ursprung sehr eng verbunden. Die Vermischung ist so stark, dass die Begriffe "Obschtschina" und "Artel" im heutigen Sprachgebrauch oft nicht klar voneinander unterschieden werden. Pjotr Kropotkin hat hierzu sehr erhellende Ausführungen gemacht.

In dieser Herrschaftsform, der Verbindung von absoluter Selbstherrschaft mit selbstverwalteter Dorfgemeinschaft auf Basis gegenseitiger Hilfe, fanden sich die Grundzüge der mongolischen Tribut- und Gefolgschaftsordnung wieder, einschliesslich der Jurten- beziehungsweise Hordendemokratie, angewandt auf eine sesshafte Dorfkultur. Charakteristikum der mongolischen Ordnung war ja ebenfalls: langes basisdemokratisches Palaver, Entscheidungen in einer Mischung aus Konsens- und Mehrheitsprinzip, nach der Entscheidung aber unbedingter Gehorsam gegenüber dem gewählten Führer.

Diese Form der Herrschaft war für die Moskauer Zaren äusserst bequem, garantierte sie ihr doch den direkten Zugriff auf Finanzen und Truppen - ohne dass sie sich um die Entwicklung vor Ort weiter kümmern musste. Die Dörfer hatten umgekehrt die Gewissheit, unter dem Schutz des Zaren zu stehen, ohne nach fremden Traditionen und Gesetzen leben zu müssen. So war beiden Seiten gedient: dem Zentralismus und der Demokratie, ja, Anarchie im Sinn selbstbestimmter, von unmittelbarer Herrschaft abgeschirmter Räume. In dieser Doppelstruktur entwickelte sich das russische Imperium.

Es hatte damit einen Weg eingeschlagen, der sich klar von den Entwicklungslinien im westlichen Europa, aber auch in Asien unterschied, wo die gemeineigentumverhaftete, selbstverwaltete Bauerngemeinde schon früh in den feudalen Strukturen der Lebens-Ordnungen verschwand. In Russland dagegen wurde die Bauerngemeinde zur Grundzelle gesellschaftlichen Seins, zur Grundeinheit staatlicher Verwaltung, ja, insofern die mit dem Zaren verbundene Kirche die "Obschtschina" als gottgewollt absegnete, zur ethischen Grundeinheit. Aber nicht nur das: Festgeschrieben durch Verordnungen aus dem 15. Jahrhundert, war dem Bauern verboten, sein Dorf zu verlassen. Zur gleichen Zeit, als im Westen die Leibeigenschaft tendenziell überwunden wurde, geriet die Landbevölkerung Russlands in einen sozialen Status, für den es im Westen nicht einmal einen Begriff gibt: Die Bauern wurden selbstverwaltete Leibeigene, Hörige, Sklaven, "SeelenÜ, die nach Willkür des Zaren oder seiner Stellvertreter verschenkt, verkauft oder bis aufs Blut ausgesaugt und gepeinigt wurden - dies alles aber, während sie zugleich unter basisdemokratischen, urkommunistischen Verhältnissen der Selbstverwaltung und gegenseitiger Hilfe miteinander lebten. Dies brachte unter anderem solche Paradoxien hervor wie den so genannten "ObrokÜ-Bauern. Ein solcher Bauer war eigener Unternehmer im Dorf und doch Leibeigener. Manche dieser leibeigenen Dörfler wurden bei der auch in Russland allmählich einsetzenden Industrialisierung später sogar zu reichen Dorffabrikanten, die ihrerseits Mitbewohner und -bewohnerinnen des Dorfs als hörige Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigten.