"Mein eigener Kopf"

Leseprobe


Dieses Heim, das keines war
Die Familie Bindel

Fünf Jahre vor dem Ersten Weltkrieg kam ich in Wien zur Welt, am 22. Januar 1909. Es war zufällig in einer Mietskaserne, zufällig in der Leopoldstadt, zufällig in einer der armseligsten Gassen dieses Judenviertels. So ist das Werden eines Menschenkindes schon in einen Rahmen gezwängt, noch bevor es den ersten Schrei ausgestossen hat. Kein Satz ist wahrer als der, dass die erste Kindheit tiefe Spuren ins Leben drückt. Ohne Baum, Strauch und Blumen wuchs ich in dieser Stadt heran, die doch eine der prächtigsten eines grossen Imperiums war. Die Armut des Wiener Grossstadtkindes war nicht idyllisch.

Weiterführende Links

Zur Geschichte der Wiener Leopoldstadt
Geschichte Österreichs ab 1919
Österreich und das Dritte Reich
Chronik der KPÖ
Chronik der Geschichte Europas
Der Spanische Bürgerkrieg
(Lebendiges Virtuelles Museum Online LeMO)
Linksammlung zur Oktoberrevolution (Englisch)
The Path to Revolution
Rote Hilfe

Meine Mutter Eugenie Kern stammte aus Rockendorf (heute Nemetcsitan, Ungarn), einem kleinen Schwabendorf an der österreichisch-ungarischen Grenze. Als sie meinen Vater in Wien kennen lernte, war dieses Dorf noch österreichisch, so wie die Stadt Lemberg, aus der er stammte. Noch früher war Lemberg polnisch, nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur Sowjetunion und wurde in Lwow umbenannt, heute gehört es zur Ukraine. Vater hätte also, ohne so alt wie Methusalem zu werden, dreimal die Staatsbürgerschaft wechseln müssen.

Es war ganz natürlich, dass sich Vater und Mutter in Wien trafen, in der Stadt, in der viele Menschen aus dem riesigen K.u.K-Reich ihr Auskommen suchten. Vater Bernhard Bindel lebte schon seit einigen Jahren in Wien, hatte seine erste Frau verloren und brachte meiner Mutter seine kleinen, vier- und fünfjährigen Söhne Jack und Jula mit in die Ehe. Er war ein kleiner Friseur und betrieb ein winziges Lädchen an der Ecke Schrey-/Adambergergasse.

Von seinen früheren Familienverhältnissen, seiner Jugend in Lemberg, weiss ich so gut wie nichts. Arme Leute registrieren ihre Herkunft nicht. So viel ist mir bekannt: Er hatte mehrere Brüder, von denen einer später in Konstanz, ein anderer in Berlin lebte. Im Unterschied zu Mutter, die in der Dorfschule nicht weit gekommen und eine halbe Analphabetin war, las er viel und schrieb ein gutes Deutsch. Auch eine Jeschiwa wird er besucht haben, eine Talmudschule. In jüdischer Religion war er gebildet, ohne wahrhaft gläubig zu sein.

Als Kind konnte ich an der Wand ein Porträt bewundern: eine Grossaufnahme meiner Grosseltern väterlicherseits, zwei würdige, freundliche Gestalten. Wohin ist es geraten? Vom ärmlichen Besitz der Familie ist kein einziges Stück zurückgeblieben, auch die wenigen Fotos aus der Kinderzeit sind verschwunden. Hitler hat alles in Rauch und Asche aufgehen lassen. Der Hauch einer Erinnerung ist da, der Schatten eines Schattens. Vaters Mutter: Sie sitzt auf einem hohen, altmodischen Koffer aus Strohgeflecht in einer Ecke am Fenster unseres damals einzigen Zimmers an der Adambergergasse. Ganz still und unbeweglich sehe ich sie dasitzen, in einem schwarzen Kleid, einer schwarzen, bunt bestickten Clothschürze. Sie spricht nicht, sie schaut nur vor sich hin. Welches war überhaupt ihre Sprache? Jiddisch, Polnisch? Hatte sie nach dem Tod ihres Mannes bei einem ihrer Söhne einen Platz gesucht? Machte sie auf der Durchreise auf dem Weg zu einem der Söhne bei uns Halt? Hatte sie auch in unserer Familie Asyl zu finden gehofft? Eines Tages war sie verschwunden wie sie gekommen war. Grossmutter, von der ich nichts weiss, als dass du damals still und traurig dasassest. Ich denke an dich wie an die vielen unbekannten und unscheinbaren Menschen, von denen niemand spricht, nicht einmal die Eigenen.

Schreibe ich von meinem Vater, so geschieht es in Liebe, selbst wenn ich mir rückblickend seiner Schwächen schärfer bewusst werde. In anderen Verhältnissen geboren, hätte es aus ihm vielleicht einen Studierten gegeben. Er kam aber im Lemberger Armenghetto zur Welt. So wurde er Friseur, Bartkratzer und Haarschneider. In seinem winzigen Lädchen fand sich eine ärmliche Kundschaft ein, teils Arbeiter, teils arme Kleinbürger, nur wenige bessere Leute. Hier hockte ich oft als Kind, zusammengekauert in einem der Drehstühle, und horchte auf die aufgeregten politischen Diskussionen. Tatsächlich habe ich da meinen ersten politischen Unterricht genossen und lernte aus allem, was um mich herum geschah.

Vater war ein nervöser Mann - ich werde diesen Wesenszug wohl von ihm haben. Gewöhnlich war er still und in sich gekehrt. Lebhaft wurde er nur, wenn ihn etwas stark erregte. In solchen Fällen konnte er auch sehr zornig werden. Er sprach dann schnell, überstürzt und geriet ins Stammeln, so dass man Mühe hatte, ihn zu verstehen. An seiner Hand sehe ich mich hüpfen, hopp, hopp, wie es die kleinen Mädchen tun - Tanzschrittchen. Er hatte das gern, und ich spürte es. Da war mir die Erde noch leicht. Vater fand mich damals sicher ganz hübsch und nett. Wie man es tut, wenn die Kinder noch winzig und problemlos sind, gab er sich ab und zu ein wenig mit mir ab. Am heranwachsenden Kind schätzte er die gute Schülerin, die lauter Einser und "Sehr gut" nach Hause brachte und seinem Ehrgeiz schmeichelte. Dann verlor er allmählich sein Interesse an mir, wenn nicht ganz, so doch stark. Das rebellische, hässliche Entchen empfand er als undurchschaubar und unbequem, es erfüllte keine elterlichen Wunschträume mehr. Das spürte ich mit allen Fasern.

Ich hatte meinen Vater lieb. Doch war diese Liebe mit Mitleid gemischt, mit dem instinktiven Mitleid des Kindes, das wusste, dass es hier keine Stütze und keinen Halt fände, keinen Rat und keine Hilfe. Vater war selbst ein schwacher Mensch. Die Mutter zog ich bei weitem vor. Sie liebte ich mit der ganzen Leidenschaft, deren Kinder fähig sind. Sie war mir, wenigstens in den ersten Kinderjahren, ein und alles. Auch sie war nicht ohne Fehl, Rat und Hilfe konnte ich von ihr ebenso wenig erwarten. Beide Elternteile hatten keine Begabung für die Erziehung, der nötige kulturelle, ethische oder auch religiöse Boden, die Geschlossenheit und Bestimmtheit der Lebensansichten gingen ihnen ab. Von allem war zwar etwas vorhanden, aber es fügte sich nicht zu einem Ganzen zusammen.

Bernhard Bindel und Eugenie Kern, genannt Jenny, waren ganz einfach arme Leute, in eine Welt geworfen, in der sie sich abzappelten und, mit gewissen kleinbürgerlichen Aufstiegsvorstellungen, ihre Kinder schlecht und recht grosszogen. Vater war immer etwas zerstreut und abwesend, mischte sich wenig ein. Mama blieb aller Kleinkram des Lebens vorbehalten, und sie bewegte sich mit Liebe und Zorn, mit Güte und Heftigkeit immer mitten drin.

 

Aus dem dritten Teil, erstes Kapitel
"Ein aus dem Nest gefallener Vogel - Leben im Land der Träume"

Moskau war damals eine sehr lebendige Stadt. Die Strassen wimmelten von Menschen. Autos gab es fast keine, und so waren die Strassenbahnen und Autobusse derart überfüllt, dass immer ganze Menschentrauben in unglaublichen Stellungen auf den Trittbrettern hingen. Trotz sichtlich grosser Armut wirkte die Stadt weniger deprimierend als Wien in jener Zeit. Man spürte den Optimismus der Menschen, die so viel durchgemacht hatten und nun fest auf bessere Zeiten hofften. Auf der Strasse hielten mich des Öfteren Frauen an, betasteten den Stoff meiner Kleider, sahen meine Schuhe an und bemerkten dann neidlos: "Macht nichts, nach dem ersten Fünfjahresplan werden wir auch alles haben."

Damals waren die Schaufenster und Gestelle der Läden leer. Statt Waren sah man da Leninbilder, manchmal auch schon Stalinbilder, manchmal eine Schlange von Zündholzschachteln. Was sollte man auch vorweisen können? Alles war streng rationiert. Frauen und Männer arbeiteten in den neu errichteten Fabriken und nahmen dort ihre Hauptmahlzeit ein. Die Theater und Kinos florierten. Auf den grossen Plätzen tanzten die Komsomolzen, Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes, ihre hübschen Volkstänze und sangen mit den etwas schrillen Kopfstimmen der Dorfjugend. Auch der neu errichtete Park für Kultur und Erholung, damals noch ganz im Grünen gelegen, gefiel mir sehr gut. Es gab da für alle Bedürfnisse etwas, Sport, Spiele, Musik, sogar Bibliotheken, Fallschirmabsprünge ab Türmen, Rudern und Schwimmen auf und in der Moskwa.

Hier ruderten wir einmal in einem Boot und trafen dabei eine Gruppe von Schwimmern, die, da man in Russland keine Badkleider kannte, alle nackt waren. Was für ein Geschrei diese russischen Burschen erhoben, als wir uns näherten. Es war eine Mischung von Scham und Obszönität, ich hörte es aus ihren Zurufen. Moskau war in vielerlei Hinsicht ein grosses Dorf. Dennoch brodelte das kulturelle Leben, und wer daran teilnahm, konnte in dieser geistig reichen Epoche viel profitieren. Es gab eine damals sehr lebendige russische Literatur, viele Konzerte und wundervolle Theateraufführungen. Von diesem vielfältigen Angebot machten nur wenige Komintern-Mitarbeiter aus meinen Kreisen Gebrauch, wie auch wenig Anregungen von dieser Seite kamen. Ich besuchte mehrere Male das Moskauer Jiddische Theater, das eine der besten Bühnen überhaupt war. Michoels ist mir als Darsteller noch in bester Erinnerung. Er ist in einem Lager verschollen, das Theater existiert nicht mehr. Ich verstand damals wenig von Kunst und Theater, und doch sind mir diese Aufführungen durch ihr Temperament, ihre Farbigkeit und ihre künstlerische Präzision unvergesslich geblieben.

In der ersten Zeit nahm ich keine Arbeit an, war bloss die Gattin eines Komintern-Angestellten. Materiell befand ich mich dabei nicht schlecht, ungeheuer privilegiert gegenüber dem russischen Volk. Das Frühstück bereiteten wir uns selbst zu, es gab schwachen Tee, den man einige Male aufbrühte, Brot, manchmal etwas Butter und Käse. Hermes ass in der Kantine des Komintern-Gebäudes, die einfache, doch sehr schmackhafte Mahlzeiten bot, und ich konnte meine zweite Mahlzeit abends im Lux einnehmen. Allerdings erhielt ich einen kräftigen Zustupf von Gerty. Die Rationen auf ihrem Spezialistenbüchlein waren so enorm, dass sie mit bestem Willen nicht verbraucht werden konnten. Sie gab mir das Büchlein, und ich konnte im Jelissejew nach Herzenslust einkaufen, Butter, Milch, Wurstwaren, Früchte, Gemüse. Von aussen sah man da kein Geschäft. Altmodische geraffte Vorhänge waren dicht herabgezogen, der Eingang war bewacht. Doch wussten die Moskauer natürlich, dass es da alles in Hülle und Fülle gab, was sie entbehrten. Ich habe niemals etwas von Neid bemerkt. Nie wurde ich angerempelt oder hörte ich auch nur eine Bemerkung, wenn ich mit meiner vollen Einkaufstasche dem Lux zustrebte. Es war selbstverständlich, dass man die kostbaren Spezialisten gut fütterte. So wenig Chauvinismus und Ausländerneid unter so schweren Bedingungen waren ein Zeichen für die hohe Moral und gute Gesinnung, die damals trotz überstandener Bürgerkriegsleiden und gegenwärtiger Nöte das Volk in weiten Kreisen beherrschten.