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"Hudere
Waser"
Leseprobe
V
An der getäferten
Dachneige der Bar hing die lange bunte
Glühbirnengirlande, die sonst der Gartenbeiz unter dem
mächtigen Nussbaum in lauen Sommernächten einen
fast südländischen Charme verlieh, die Dachfenster
waren mit roten Tüchern verhängt. Die Bar war
knapp zehn Meter lang und vielleicht sechs Meter in der
Breite, die nicht ganz ausgenutzt werden konnte, weil sich
das Dach nach links bis auf Hüfthöhe an die
Aussenmauer absenkte. Der Tresen, eine provisorische
Konstruktion aus ungehobelten Kanthölzern, schwarz
gestrichenen Schaltafeln und einer Chromstahlabdeckung nahm
beinahe den ganzen linken Teil ein. In der rechten hinteren
Ecke standen auf einem kleinen Podest aus Holzpaletten zwei
Ledersofas und vier Clubsessel um einen Nierentisch. Das
waren die einzigen Sitzgelegenheiten, sonst bestand die
Inneneinrichtung nur aus einem langen Ablagebrett, das auf
Ellbogenhöhe an die rechte Wand gedübelt war, und
vier futuristischen dreidimensionalen Skulpturen, die den
Strichmännchen des Sprayers von Zürich
ähnlich sahen. Sie waren aus Armierungseisen gefertigt,
mit oranger Korrosionsschutzfarbe bemalt, etwa zweieinhalb
Meter hoch, und hatten mehrere stilisierte Arme, die auf
Brusthöhe eine Art Serviertablett aus kurzen aneinander
geschweissten Stahlrohren trugen.
Die Bar war gut besetzt,
und Eric musste sich einen Platz am Tresen errangeln. Er
bestellte ein Bier, sah sich um und suchte nach Vreni, bis
er sie bei der Skulptur in der Nähe der
Polstermöbel stehen sah. Sie amüsierte sich mit
Trix und zwei Männern in ihrem Alter, die er vom Sehen
kannte. Er sah keinen Grund, sie zu stören, und
drängte sich an das andere Ende des Tresen vor, von wo
ihm Tom zugewunken hatte.
"Ciao, Eric. Hab mir doch gedacht, dass du hier auftauchst.
Freut mich, dich gesund und munter zu sehen. Na, hat dich
dein falscher Fuchs abgeholt?"
"Natürlich, ich hätte es mir denken können!"
Unvermittelt schlug Eric mit der geballten Faust zu. Nicht
allzu hart, aber auch nicht gerade zärtlich traf er
Toms Oberarm. Tom fluchte scheinbar entrüstet, umarmte
dann aber grinsend seinen um drei Jahre jüngeren
Bruder. Bis auf ihre überdurchschnittliche
Körperlänge und die dunklen Augen sahen sie sich
wenig ähnlich. Tom trug seine hellbraunen Locken
modisch kurz geschnitten, war gut zwanzig Kilo schwerer und
hatte das breitflächige Gesicht der Mutter.
"Warum hast du es ihr gesagt?", fragte Eric.
"Mach keinen Aufstand, Kleiner! Es gibt Schlimmeres, als von
einer so bezaubernden und bildschönen Frau abgeholt zu
werden. Deine Sorgen möchte ich haben", lachte Tom.
"Du weisst genau, dass ich solche Empfänge nicht mag.
Klar, Vreni ist eine spannende Frau, und sie sieht verdammt
gut aus, doch sie irritiert mich. Sie ist so zutraulich, als
wären wir seit Jahr und Tag ein Paar, dabei kennt sie
mich kaum. Gleichzeitig reagiert sie kühl, fast
abweisend, wenn ich sie frage, wie ich mir diesen Service
verdient habe. Aber was solls, ich werde schon dahinter
kommen. Aber was ist mit dir? Wie läufts bei euch? Ist
alles paletti?"
"Kommt drauf an. Claudia geht es gut, sie ist gerade auf der
vorläufig letzten Nachtschicht, dann hat sie fünf
Tage frei. Aber Silas macht uns Sorgen. Seit einem Monat,
seit wir den Vertrag für seine Lehrstelle
unterschrieben haben, schlägt er sich die Nächte
um die Ohren und kommt kaum einmal vor Mitternacht nach
Hause. Sein Klassenlehrer rief vor zwei Wochen an und fragte
Claudia, ob sie eine Ahnung habe, warum Silas immer so
müde und ausgelaugt sei. Wir hatten schon am Sonntag
zuvor mit ihm diskutiert. Es war extrem schwierig, ihn davon
zu überzeugen, dass er noch bis im Frühling
einigermassen durchhalten muss. Du weisst, wie ihn die
Schule ankotzt. Nach dem Anruf des Lehrers zog Claudia die
Notbremse und untersagte ihm den Ausgang für eine
Woche, was er nach einem kategorischen Nein plötzlich
vorbehaltlos akzeptierte. Drei Tagen später rief der
Lehrer wieder an und bat Claudia, die getroffene Massnahme,
über die er von Silas informiert worden war, wieder
rückgängig zu machen. Es sei ihm lieber, Silas
schlafe in der Schule, als dass er auf Streber mache und die
Lehrer die ganze Zeit mit idiotischen Fragen nerve und so
zum Gaudi der ganzen Schulklasse den Unterricht lahm lege.
Als Vater bin ich ja stolz darauf, wie er mit solchen
Situationen umgeht, doch ich möchte nicht sein Lehrer
sein. Silas kann so stur sein wie du, dabei ist er aber so
gewitzt wie seine Mutter."
"Bei wem wird er stiften?"
"Moser Holzbau, Aarburg. Das ist ein solider und gut
ausgelasteter Betrieb. Er lernt Bauschreiner."
"Renato hat mal dort gearbeitet. Mit dem alten Moser soll
man auskommen, solange man die Arbeit macht. Dann brauchst
du dir um Silas jedenfalls nicht wirklich Sorgen zu machen.
Aber was ist mit dir? Trägst du deine intellektuellen
Fähigkeiten immer noch zum Markt der Idioten oder hast
du endlich eine anständige Arbeit gefunden?"
Eric liebte es, Tom wegen seines Jobs als Texter bei einer
renommierten Zürcher Werbeagentur zu hänseln.
"Wer ist ein Idiot?", fragte Vreni, die unbemerkt von hinten
zwischen die langen Brüder herangetreten war und nur
Fetzen des letzten Satzes mitbekommen hatte.
"Schwamm drüber. Ihr kennt euch ja. Tom ist bereits der
Zweite, der mir innert einer Stunde sagte, dass du eine
tolle Frau bist. Du hast ja umfangreiche Recherchen
über mich angestellt, sieht fast aus, als ob du mit
einem Artikel über mich den Pulitzer-Preis gewinnen
möchtest."
Trotz des schummrigen
Lichts glaubte Eric zu erkennen, dass sie errötete.
"Wenn du dich drei Monate verkriechst, kann ich dich
schlecht selbst fragen!", sagte sie spitz und blickte ihn
trotzig an. Da war wieder dieses undurchschaubare
Lächeln, das ihm bereits am Bahnhof aufgefallen war.
Verunsichert wich er ihrem Blick aus. Er ärgerte sich,
nicht freundlicher gewesen zu sein.
"Apropos Recherchen, Eric, du musst unbedingt deine Fiche
bestellen! Die Frist läuft nächste Woche ab",
sagte Tom, um das Schweigen zu brechen.
Vreni war froh, ihre journalistische Kompetenz ins Spiel
bringen zu können. "Nein, das stimmt nicht ganz, die
Frist wurde kürzlich verlängert. Aber du musst
unbedingt einen eingeschriebenen Brief mit einer
Ausweiskopie schicken, sonst wird dein Gesuch nicht
bearbeitet."
"Fische? Warum soll ich per Einschreiben Fische bestellen.
Die kann ich doch im Manor jederzeit fast fangfrisch kaufen.
Ist das ein neuer Insiderwitz, oder was?"
Aus der Innenseite seines
schwarzen Jacketts kramte Tom eine mehrfach gefaltete
dünne Zeitung hervor und reichte sie Eric. "Das ist der
"Fichen-FritzÜ, die Zeitung des Komitees Schluss mit
dem Schnüffelstaat, das sich gebildet hat, nachdem im
Dezember der Fichenskandal aufgeflogen ist. Fiche ist der
französische Ausdruck für eine Karteikarte. So
werden die Zusammenfassungen von Personendossiers genannt,
welche die Bundespolizei über vermeintliche
Staatsfeinde illegal angelegt hat. Gegen eine Million
solcher Fichen wurden in der Folge des PUK-Berichts
über den Kopp-Skandal in den Dunkelkammern der Nation
entdeckt. Darunter waren auch Fichen von
Parlamentsmitgliedern bis in die liberalen und konservativen
Parteien hinein. Selbst die bürgerliche Presse und das
konservativ-biedere Fernsehen hatten ihren Fichenskandal.
Fast jeden Tag kamen neue Details ans Licht, der Skandal
weitete sich zu einer Staatskrise aus, eine geheime
Widerstandsarmee wurde entdeckt, die entsprechend den
Gladiotruppen in den Nato-Ländern organisiert war, im
Kriegsfall waren Internierungslager für Tausende Linke
geplant. Diese Listen wurden zwar entdeckt, aber nicht
veröffentlicht. Die Betroffenen haben sich im
erwähnten Komitee organisiert, das sich aus über
fünfzig oppositionellen Organisationen zusammensetzt.
Die Sozialdemokraten und die Grünen konnten im
Parlament gemeinsam mit liberalen Bürgerlichen das
Akteneinsichtsrecht durchsetzen. Jetzt mobilisiert das
Komitee zu einer Gross-Demonstration vor dem Bundeshaus. Der
"Fichen-Fritz" druckte erste Auszüge aus Fichen von
Ratsmitgliedern. Du hast wirklich etwas verpasst. Es war
herrlich, die Betonköpfe fassungslos stotternd am
Fernsehen zu sehen. Den GSoA-Schock noch nicht ansatzweise
verdaut, fliegt ihnen diese Fichengeschichte um die Ohren.
Ich habe meinen Antrag auf Akteneinsicht gestern
abgeschickt. Du musst unbedingt auch Einsicht ins
persönliche Dossier verlangen, wenn du das nicht extra
vermerkst, kriegst du nur Kopien deiner Fiche."
Tom bestellte für
sich und Vreni Wodka Sunrise und für Eric ein Bier.
"Den PUK-Bericht habe ich am Rande noch mitbekommen, aber
die Geschichte mit den Fichen ist mir neu. Was sagst du,
eine geheime Widerstandsarmee? Wenn das vor der Abstimmung
geplatzt wäre, hätte die GSoA nicht nur über
fünfunddreissig, sondern über fünfundvierzig
Prozent gemacht. Ich kann es nicht fassen, dass ich meine
Staatsschutzakten bestellen kann. Das kann nicht dein Ernst
sein!"
Vreni zeigte sich überrascht, dass Tom und Eric so
überzeugt waren, eine Fiche zu haben. Eric machte nicht
den Eindruck eines Politaktivisten, er glich eher jenen
Aussteigern, die wenig arbeiten wollten und es sich daneben
gut gehen liessen, die sich dem Karrieredrang der
Leistungsgesellschaft verweigerten und stundenlang über
die Übel der Welt lamentierten, die aber selten aktiv
etwas dagegen unternahmen. Vreni wusste, dass der
grösste Teil der Fichen über Emigranten angelegt
worden war, dass die Zahl der registrierten Eingeborenen
höchstens bei zweihunderttausend lag. Ausserdem
fichierte der Geheimdienst viele bloss deshalb, weil sie in
sozialistischen Ländern Ferien gemacht hatten, und da
sich die Einträge erst noch auf die letzten vierzig
Jahre bezogen, konnte es nicht sein, dass es über jeden
Nichteinsteiger eine Fiche gab. Also sagte sie: "Ich glaube
nicht, dass es über dich eine Fiche gibt. Wenn die Bupo
alle kiffenden Systemverweigerer registriert hätte,
wären noch viel mehr Fichen aufgetaucht."
"Da bin ich aber erleichtert, dass du nicht alles über
mich herausgefunden hast", sagte Eric und prostete ihr und
Tom zu. "Ich mag es nicht, wenn die Informationen allzu
einseitig verteilt sind. Ich habe unten mit Vince
gesprochen. Du hast ihn mit deinem Charme und deiner
Trinkfestigkeit mächtig beeindruckt. Aber er
erzählte mir auch, du hättest ihm regelrecht ein
Loch in den Bauch gefragt."
"Sei nicht so ein Grobian,
Eric! Sei lieber froh, dass dein Rotschopf keine Ratte ist.
Sonst hätte sie sich garantiert nicht ausgerechnet auf
dem Höhepunkt des Schnüffelskandals so offenkundig
und hartnäckig nach dir erkundigt." Tom wandte sich
nach hinten, beugte sich zu Vreni hinunter und sagte
lächelnd: "Ich muss mich für meinen kleinen Bruder
entschuldigen. Ihm fehlt eine Frau, die ihn wenigstens
ansatzweise zivilisiert. Eigentlich ist er ein lieber Kerl,
doch manchmal ist er ruppiger als ein bockendes Wildpferd,
das sich dagegen wehrt, zugeritten zu werden."
"Hör schon auf, Mann!" Eric verdrehte die Augen.
Tom nahm einen Schluck und grinste ihn an. "Ich weiss, dass
du stolz auf dich bist, brauchst also nicht so bescheiden zu
tun!" Er boxte ihn scherzhaft auf die Brust. "An seiner
Konfirmation zum Beispiel, das ist zwar lange her, aber
immer noch typisch für ihn, führte er sich so auf,
dass sogar unser Vater, der mit der Kirche weiss Gott nichts
im Sinn hatte, mitten in der Feier aufstand und hochroten
Kopfes rausrannte. Du musst dir das vorstellen: die
Konfirmanden standen in zwei Reihen hinter dem Altar, wo sie
traditionelle Kirchenlieder sangen. Eric stand in der
hinteren Reihe ganz aussen. In seinen weissen Turnschuhen,
den weissen Jeans und dem marineblauen Kittel sah er aus wie
ein junger stolzer Matrose vor der ersten grossen Ausfahrt.
Während alle anderen artig sangen, blieb er stumm, und
ich konnte sein berüchtigtes Lächeln sehen, dieses
eigenartige Lächeln, bei dem er nur den rechten
Mundwinkel leicht hochzieht. Der senile Dorfpfarrer Misteli,
der diese Zeremonie seit Generationen unverändert
durchführte, winkte einen Konfirmanden nach dem anderen
zu sich und murmelte kaum vernehmbar seinen Spruch: "Ich
überreiche dir als neues Mitglied unserer Kirchgemeinde
zum ersten Mal das christliche Abendmahl, iss den Leib und
trinke das Blut des Herrn" oder so ähnlich, und
überreichte den sichtlich ergriffenen Jungchristen
trockenes Brot und Traubensaft, und die Eltern und
Verwandten in den Bänken waren stolz auf ihre
herausgeputzten Sprösslinge. Am Schluss stand Eric
allein oben, und er genoss es, dass alle Augenpaare auf ihn
gerichtet waren. Statt jedoch würdevoll die zwei
breiten Steinstufen zum Pfarrer, der in der Mitte des
Kirchenschiffs stand, hinunterzuschreiten, wie ihm das seine
Mitkonfirmanden vorgemacht hatten, sprang er mit einem Satz
über die Treppe runter. In einer tiefen Hocke fing er
den Sprung auf, streckte sich theatralisch und grinste die
Kirchgemeinde unverfroren an. Ich wusste, da war noch mehr
im Busch. Der Atem des Pfaffen ging schwer. Man sah, wie
sich seine massigen Schultern hoben und senkten, und in
diesem Moment der fast absoluten Stille war sein rasselndes
Keuchen in der ganzen Kirche hörbar. Er war ein alter,
konservativer, autoritärer und herzkranker Mann, der
sich nicht aufregen durfte. Locker und betont lässig,
gerade so, als wäre er auf dem Tennisplatz, ging Eric
zu ihm hinüber und reckte sich vor ihm. Misteli war
mindestens einen Kopf kleiner als Eric, musste also zu ihm
aufschauen, und nur widerwillig, fast unhörbar brachte
er seinen Spruch über die Lippen. Eric hätte nun
einfach nichts zu sagen brauchen, und die Situation
wäre gerettet gewesen. Doch ohne Eric. Als ihm der
Pfarrer das Brot entgegenstreckt, sagt er laut und deutlich:
"Tut mir Leid Herr MisteliÜ, er wusste genau, dass der
Alte mit Pfarrer angesprochen werden wollte, "ich kann das
nicht essen, ich bin Vegetarier." Empörtes Gemurmel
ertönte von den Bänken her, und ich sah wie die
Adern an den Schläfen des Pfarrers bedrohlich
anschwollen. Dieser sagte etwas Unverständliches,
worauf sich wieder Eric mit fester Stimme verlauten liess.
"Nein, das ist kein Brot. Das ist der Leib des Herrn, wie
Sie soeben sagten. Ich bin Vegetarier und esse kein Fleisch,
schon gar kein Menschenfleisch!" Dann drehte er sich, nicht
ohne genau zu beobachten, wie sein Publikum reagierte,
langsam um und ging locker und beschwingt an seinen Platz.
Vater stürmte aus der Kirche, und Misteli stand mit
stierem Blick da, als wäre er zu einer Salzsäule
erstarrt. Das Getuschel der Kirchgänger wurde immer
lauter und aggressiver, bis die Organistin die Initiative
übernahm und in die Tasten griff. Beim Essen mit der
Verwandtschaft wurde so getan, als sei nichts geschehen.
Bloss Max, der ältere Bruder des Vaters, nahm Eric vor
dem Essen beiseite und sagte ihm, wie stolz er auf ihn war,
dass er es diesen gottverdammten Scheinheiligen gezeigt
hatte. Eric vergass, dass er sich als Vegetarier geoutet
hatte, und biss kommentarlos in die Lammkeule, die zu
Pommes-Frites und Gemüse gereicht wurde."
Vreni schmunzelte. Vince
hatte ihr einige Storys erzählt, die nicht ganz so
extravagant, aber nach einem ähnlichen Muster gestrickt
waren. In der Schulzeit schien es geradezu Erics
Steckenpferd gewesen zu sein, die Lehrerinnen und Lehrer mit
Worten zur Weissglut zu treiben, während er jeweils
ruhig zu bleiben pflegte. Sie legte Eric den Arm um die
Hüfte.
"Mit dir scheint es jedenfalls nicht langweilig zu werden.
Sag mal Eric, kannst du mir sagen, warum du anders bist als
die meisten Leute, die ich kenne?"
"Ha, jetzt siehst dus. Jetzt fängt das Verhör mit
dir an, so ging das die ganze Zeit, als sie mich über
dich ausfragte. Aber keine Bange, dein grosser Bruder holt
für dich die Kohlen aus dem Feuer. Vreni, ich weiss,
dass du es freundlich meinst, wenn du sagst, er sei anders.
Tatsache ist, dass wir beide nicht ganz normal sind. Das
hängt damit zusammen, dass wir nicht wie andere Kinder
aufwuchsen, was wiederum mit unseren Genen zu tun
hatte."
Unvermittelt brach Tom ab,
packte seinen Drink, ging schnurstracks zum Podest mit den
Polstermöbeln, wo einige junge Männer das Feld
räumten, und eroberte Sitzplätze für alle
drei. Eric und Vreni nahmen auf dem Sofa Platz, Tom setzte
sich in einen schwarzen Polstersessel, den er nahe an die
Couch heranzog. Eric beobachtete, was sich auf dem Floor
abspielte, während Tom in Fahrt gekommen munter
drauflos erzählte.
"Also, was unsere Gene betrifft, will ich es kurz und
schmerzlos machen. Wir sind Zigeuner, halbe Zigeuner, um
genau zu sein. Wir sind Mischlinge, helvetische Mestizen."
Überrascht schaute Vreni von Tom zu Eric, den sie
musterte, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Eric tat,
als hätte er nicht zugehört, als würde er
ihren forschenden Blick nicht wahrnehmen.
"Man sieht uns unsere Herkunft nicht an. Tatsache ist, dass
unser Vater ein Jenischer, ein Fahrender war. Er wurde erst
kurz vor meiner Geburt sesshaft, auf Wunsch der Mutter. Ich
weiss nicht, ob wir das Fahren im Blut haben, ich jedenfalls
hatte bisher nie das Bedürfnis, mit einem Wohnwagen
durchs Land zu ziehen. Bei Eric bin ich mir dagegen nicht so
sicher. Vielleicht sind seine Reisen darauf
zurückzuführen, aber darauf wollte ich nicht
hinaus. Was kommt dir in den Sinn, wenn du Zigeuner
hörst?"
"Ausser dem Volkslied "Lustig ist das Zigeunerleben,
brauchen dem Kaiser kein Geld zu geben" und dem Klischee,
wonach alle Zigeuner Gauner sind, nur, dass mir meine Mutter
jeweils sagte, ich sähe aus wie eine Hudere, wenn ich
mich in ihren Augen schmuddelig angezogen hatte", sagte
Vreni und schmiegte sich an Eric, der sich jedoch abrupt
erhob und sagte: "Hudere-Waser kennt die Geschichte und geht
jetzt eine Runde pissen. Machs kurz Tom, schau zu, dass du
fertig bist, wenn ich wiederkomme."
Mit einem harten Klaps auf
den Hintern verabschiedete ihn Vreni, und Eric wäre
beinahe vom Podest gestolpert, hätte er sich nicht im
letzten Moment an Toms Sessel festhalten können.
"Hast du einmal etwas über das so genannte Hilfswerk
für die Kinder der Landstrasse gehört?", fragte
Tom.
"Hatte das nicht etwas mit der Pro Juventute zu tun, die
während Jahren die Kinder von Fahrenden in Heime
gesteckt hat? Aber Genaueres weiss ich nicht", sagte Vreni,
und Tom hörte das Bedauern in ihrer Stimme.
"Viel ist es nicht, aber du hast Recht, was die Pro
Juventute betrifft, denn diese Stiftung, die vom Bund
unterstützt wurde und wird, stand hinter dieser als
Hilfswerk getarnten Verbrechergang. Während eines
halben Jahrhunderts von neunzehnfünfundzwanzig bis
neunzehndreiundsiebzig versuchten sie das Vagantentum
auszurotten, wie sie es nannten. Zu diesem Zweck erfassten
sie die Jenischen, die Roma und die Sinti in Registraturen,
und sie begannen den fahrenden Familien und Sippen
systematisch die Kinder zu stehlen, um ihnen das
Zigeunerwesen auszutreiben. Mindestens sechshundertzwanzig
Kinder wurden in dieser Zeit mit grosszügiger Beihilfe
der Behörden gekidnappt, in Heime, in psychiatrische
Kliniken oder in Pflegefamilien gesteckt. Es gab keine Sippe
und praktisch keine Familie, die nicht direkt vom
staatlichen Kindsraub betroffen war. Da die Akten des
Hilfswerks selbst, aber auch der Pro Juventute, der Kantone
und der Gemeinden, mit denen diese kriminelle Bande eng
zusammenarbeitete, den Betroffenen oder der
Öffentlichkeit nie vollumfänglich zugänglich
gemacht wurden, kann man nicht sicher sein, dass diese
sechshundertzwanzig Kinder wirklich die einzigen waren, die
von diesem organisierten Verbrechen betroffen waren. Dazu
kommen noch die erwachsenen Jenischen, die als Asoziale,
Arbeitsscheue oder Gewohnheitsverbrecher bezichtigt wurden,
damit sie in Zuchthäusern, Arbeitserziehungsanstalten
oder in psychiatrischen Kliniken versenkt werden konnten.
Keine Statistik gibt darüber Auskunft, wie viele
jenische Mütter und Väter, wie viele jenische
Kinder in diesem Krieg gegen die Fahrenden, den rassistische
sesshafte Schweizer geführt haben und der von der
Öffentlichkeit gedeckt und gefördert wurde, in den
Wahnsinn oder in den Selbstmord getrieben wurden. Unser
Vater Franz war etwa vier Jahre alt, als sie ihn abholten.
Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, aber er
hätte nie vergessen können, woher er kam, denn von
nun an war er der Vagantenbub. Zuerst kam er zu einer
Bauernfamilie, wo er nicht viel schlechter als die eigenen
Kinder des Bauern behandelt wurde, ausser dass immer, wenn
irgendetwas fehlte, automatisch er der Auserwählte war,
dem der Bauer zur Abschreckung vor der versammelten
Kinderschar mit der Weidenrute den nackten Arsch so
gründlich versohlte, bis das Blut tropfte. Als er zehn
Jahre alt war, haute er das erste Mal ab, er wollte seine
Eltern suchen. Mit elf kam er erstmals in ein Heim für
Schwererziehbare. In regelmässigen Abständen
suchte er das Weite, doch immer wieder wurde er erwischt und
eingebuchtet, auch wenn er es einmal, da war er etwa
dreizehn, bis nach Spanien schaffte, wo er fast ein halbes
Jahr verbrachte, bis er verhaftet und in die Schweiz
zurückspediert wurde, wo sie ihn im nächsten Heim
verlochten. Franz machte brutale Erfahrungen, erlebte
schlimmste Demütigungen und Erniedrigungen, über
die er uns gegenüber aber höchstens Andeutungen
machte. Durch Zufall kam er dann zu einem Dachdeckermeister,
wo er eine Lehre machen konnte und das erste Mal in seinem
Leben wie ein normaler Mensch behandelt wurde, denn seinem
Chef war es egal, was einer war, ihn interessierte nur, was
einer leistete. Natürlich hatte Franz einen Vormund.
Damit er diesen loswerden konnte, meldete er sich bereits
mit achtzehn, nach dem Ende der Lehrzeit, zum Militär
und absolvierte die Rekrutenschule, damit er schneller die
Volljährigkeit erlangte. Nach dem Militär suchte
er seine Eltern, von denen er erst jetzt, als er endlich
seine Schriften hatte, wusste, wie sie hiessen. Aber der
Raub der Kinder hatte die Ehe seiner Eltern zerstört.
Die Mutter war bald darauf wegen Depressionen und
moralischem Schwachsinn, wie es hiess, in die Psychiatrische
Klinik Waldhaus in Chur eingeliefert worden, wo sie nicht
lange überlebte. Mit seinem Vater und dessen neuer Frau
fuhr Franz dann einige Jahre durch die Schweiz, Italien und
Frankreich. Er lernte Korben und Schleifen, und wenn er uns
darüber erzählte, glänzten seine Augen. Er
hätte wohl ewig so weitergelebt, wäre ihm nicht
Ursula, unsere Mutter, über den Weg gelaufen. Obwohl er
sich geschworen hatte, sich nie mit einer Sesshaften
einzulassen, hatte er sich unsterblich verliebt, und als
Ursula wusste, dass sie schwanger war, heirateten sie, und
sie zogen in das kleine Haus im Cheibeloch, das einem Onkel
von Ursula gehörte."
"Du bist ja immer noch bei
Adam und Eva", stöhnte Eric, der mit frischen Drinks
von der Theke her aufs Podest kletterte. Sie prosteten sich
zu, Vreni und Eric küssten sich. "Leg mal einen Zahn
zu, Tom, sonst sind wir morgen noch da. Ich habe noch auf
etwas anderes Lust, als auf alte Geschichten", sagte
Eric.
"Du wirst schon nicht zu kurz kommen", sagte Vreni. "Du
musst dich nur ein wenig gedulden. Für dich ist das
kalter Kaffee, aber für mich ist das hochinteressant.
Erzähle ruhig weiter, Tom!"
"Franz machte das Lastwagenbillet und fuhr während fast
dreissig Jahren für dieselbe Baufirma, bis er vor
einigen Jahren während einer Fahrt einen Herzinfarkt
hatte und starb. Die Ungerechtigkeiten und Misshandlungen,
die seine Kindheit und seine Jugend geprägt hatten,
führten bei ihm zu einem unbändigen
Gerechtigkeitsgefühl und zu einem automatischen Reflex
gegen alles, was nach staatlicher oder behördlicher
Autorität aussah. Auf Anregung von Ursula, die im
Konsum gearbeitet hatte und gewerkschaftlich organisiert
war, wurde er Mitglied der Gewerkschaft der Bau- und
Holzarbeiter, wo er bald zum Vertrauensmann gewählt
wurde. Die meisten seiner Arbeitskollegen waren italienische
Emigranten, und da er Italienisch sprach, hat er sie
beraten, und sie kamen oft zu Besuch. Dann brachten sie
Wein, Brot und Salami mit, und hin und wieder, wenn wir zu
aufdringlich waren, gab uns Claudio, ein älterer
Sizilianer, der als Polier arbeitete, einen kleinen Schluck
Grappa, an dem wir uns die Lippen verbrannten. Erst als wir
grösser waren, realisierten wir, dass die Einzigen, die
uns besuchten, Verwandte oder Vaters Arbeitskollegen waren.
In der Schule wurde uns schnell klar gemacht, dass wir als
Zigeuner Menschen zweiter Klasse waren. Vince, der in der
Hochgasse wohnte und ein Stück weit denselben Schulweg
hatte wie wir, war das einzige Kind, mit dem wir spielten.
Franz hatte ein altes Jagdgewehr, mit dem er gelegentlich in
den Wald ging, damit auch wir hin und wieder Fleisch auf dem
Teller hatten. Doch eines Tages, es war an einem
Samstagabend, ich weiss es noch genau, fuhr ein
Streifenwagen vor. Franz stritt lautstark mit den
Polizisten, denn er war der Meinung, dass das Wild allen
zustand und nicht nur den Reichen, da packten sie ihm
plötzlich die Hände auf den Rücken und legten
ihm Handschellen an. Eric war erst vier Jahre alt, aber er
warf sich den Bullen in die Beine und verfluchte sie als
Banditen und Verbrecher, wie er das von Franz gelernt hatte,
bis er eine wuchtige Ohrfeige eines Bullen kassierte und zu
Boden flog. Mitsamt dem Gewehr nahm die Schmier Franz mit
auf den Posten. Am nächsten Tag war er wieder da, aber
das Gewehr war weg, und er gab die Wilderei auf, da ihm eine
längere Gefängnisstrafe drohte, falls er noch mal
erwischt würde. Natürlich hat er sich furchtbar
aufgeregt, doch er fand seinen Humor bald wieder und kaufte
sich eine Fischrute, mit der er sich fortan wenigstens an
der Fischzucht schadlos hielt. In der Schule behandelten uns
die Lehrer wie der letzte Dreck. Es gab eine Ausnahme, die
aber bloss die Regel bestätigte. Die Schulkollegen
schnitten uns, und doch spürten wir damals wenig davon,
dass die Fahrenden von den Behörden systematisch
diskriminiert und unterdrückt wurden. Natürlich
mussten wir uns auf dem Pausenplatz immer wieder gegen
Kläffer durchsetzen, die uns als Vaganten, Bastarde,
Dreckzigeuner, Hudere-Waser oder als Gauner und Halunken
bezeichneten. Wir haben uns oft geprügelt, und
normalerweise haben wir gewonnen, was in der Regel Strafen
absetzte, denn die Verprügelten rächten sich,
indem sie uns bei den Lehrern verpetzten. Einmal versohlte
mir mein Sechstklasslehrer nach einer Schlägerei auf
dem Schulhof vor der ganzen Klasse mit einem Rohrstock den
Arsch derart, dass die Striemen am Abend noch gut zu sehen
waren und Mutter mich fragte, was los gewesen sei. Am
nächsten Tag klopfte es an der Schulzimmertür, und
ich hörte, wie Franz dem Lehrer vor der Türe
lautstark den Kopf wusch. Das war äusserst
ungewöhnlich, denn die Lehrer galten noch als
unangefochtene Autoritätspersonen. Mit rotem Kopf kam
der Lehrer, der für seinen autoritären Stil
berüchtigt war, wieder ins Schulzimmer, und ich war
darauf gefasst, dass ich an die Kasse kommen würde,
aber er sagte kein Wort, und seither wagte es kein Lehrer
mehr, einen von uns zu verprügeln. Von da an mussten
wir immer nachsitzen. Ursula, die wieder im Konsum
arbeitete, seit auch Eric in die Schule ging, litt mehr
unter der gesellschaftlichen Isolation, doch auch das haben
wir erst viel später begriffen. Obwohl sie in der
Damenriege turnte, kam nicht eine ihrer Turnkolleginnen bei
uns zu Besuch. Im Gegensatz zu Franz war und ist Ursula eine
besonnene Person, die nie die Ruhe verliert. Ich habe mehr
von ihr mitbekommen als Eric, der eher dem Vater
nachschlägt und deshalb auch immer mehr Probleme
hatte."
"Vince hat mir einige Müsterchen erzählt", sagte
Vreni grinsend.
"Wenn das so weitergeht, weisst du bald besser Bescheid
über mich als ich", sagte Eric gähnend.
"Sei doch froh, dass ich Vreni aufkläre, sonst musst du
ihr alles beichten" grunzte Tom. "Also, ich will Eric nicht
unnötig auf die Folter spannen, bis er seinen Trieben
freien Lauf lassen kann. Jedenfalls hat es uns stark
geprägt, dass wir die Söhne eines Jenischen waren,
aber nicht weil wir ein anderes Leben geführt
hätten als unsere Schulkollegen. Wir wurden als
Zigeuner behandelt, weil die Leute wussten, dass wir welche
waren. Wir reagierten darauf einerseits mit Prügel. Vor
allem Eric war ein unglaublich zäher Schläger. Oft
verprügelte er stärkere Jungs, weil er mehr
einstecken konnte als sie, weil er durchhielt, bis die
anderen schlapp machten. Er kannte weder Angst noch Schmerz,
solange er sich prügelte. Dabei jammerte er sonst wegen
jedem kleinen Blessürchen. Andererseits schotteten wir
uns vom Dorfleben ab. Während der Primarschule
verbrachten wir unsere Freizeit in den Wäldern rund ums
Cheibeloch, und später gingen wir direkt in die Stadt.
Nur Eric ging ab der dritten Klasse ins Training des
Fussballclubs, wo sie ihn anfänglich zwar
hänselten, ihn aber schnell in Ruhe liessen und
akzeptierten, denn er war ein Talent und bald der beste
Torschütze der D-Juniorenmannschaft."
"Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute!",
sagte Eric.
"Wenn es dich langweilt, hole uns noch was zu trinken, und
ich verspreche dir, mich kurz zu fassen", gab Tom
zurück. Schulterzuckend spielte Eric erneut den
Kellner, während Tom den Faden wieder aufnahm. "Seine
Karriere dauerte jedoch nicht sehr lange, denn nach etwa
zwei Jahren, er stand kurz davor, in die
C-Juniorenmannschaft aufzusteigen, wurde aus der Teamkasse
Geld gestohlen. Ich weiss nicht mehr wie viel, aber es war
kein grosser Betrag. Obwohl Eric wie alle anderen beim
Training war, als der Diebstahl entdeckt wurde, und man auch
bei der Durchsuchung seiner Kleider nichts fand, war klar,
dass nur der kleine Hudere-Waser, wie sie ihn jetzt wieder
nannten, der Dieb gewesen sein konnte. Weil sie ihm aber
nichts beweisen konnten, schickten sie ihn bloss weg und
sagten ihm, er solle sich nie wieder blicken lassen. Das
machte ihn ziemlich fertig, vor allem, dass ihm auch seine
Teamkollegen nicht geglaubt hatten. Ursula überredete
ihn, in Olten, wo man ihn nicht kannte, mit Tennisspielen zu
beginnen. Es zeigte sich, dass er auch an diesem Sport
Freude hatte, und er trauerte dem Fussball nicht mehr nach,
auch wenn er nie vergass, wie sie ihn damals weggeschickt
hatten. Ursula haben wir viel zu verdanken. Immer wieder
wiegelte sie ab, wenn wir uns über Diskriminierungen
aufregten und Rachepläne schmiedeten. Franz war viel zu
impulsiv, ihm erzählten wir selten etwas, weil wir
genau wussten, wie er ausflippen konnte. Ursula dagegen ist
die Ruhe in Person, ohne uns zu bevormunden, brachte sie uns
fast immer dazu, dass wir unsere Pläne unverrichteter
Dinge begruben. Das Gerede der Leute war ihr schon immer
völlig schnuppe. Es interessierte sie auch wenig, wie
sich einige ihrer Freundinnen das Maul aufrissen, als vor
drei Jahren Grossmutter Neumitglied der ausschliesslich von
Frauen gebildeten Guggenmusik Schräge Vögel
wurde."
"Zum Glück ist der Barmann neu im Geschäft, sonst
wäre ich wieder zu früh gewesen", sagte Eric, der
mit zwei Drinks und einem Kaffee aufs Podium
zurückkehrte.
"Ich glaubte, dich einigermassen zu kennen, nachdem ich
einige deiner Freunde ausgequetscht hatte, und jetzt stellt
sich heraus, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte.
Ich möchte mich entschuldigen für meine Bemerkung
im Ka...", sagte Vreni.
Eric unterbrach sie. "Du brauchst dich nicht zu
entschuldigen. Wie du sagst, du hattest keine Ahnung. Wenn
du mehr über den rassistischen Krieg wissen willst, den
die vordergründig zivilisierte Schweiz gegen das Volk
unseres Vaters geführt hat, dann lies bei Mariella Mehr
nach. Sie hat geschafft, was unser Vater nicht einmal
innerhalb seiner Familie konnte. Sie hat die
Schändungen, Erniedrigungen und Folterungen, die sie in
privaten und öffentlichen Institutionen in diesem Land
unschuldig erleiden musste, literarisch aufgearbeitet und
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ihre
Bücher stehen ebenso in meinem Büchergestell wie
Thomas Huonkers historisches Werk "Fahrendes Volk - verfolgt
und verfemtÜ, das erst kürzlich herausgekommen
ist. Das Unrecht ist dokumentiert, aber es interessierte
sich immer nur eine kleine Minderheit dafür, und Franz
erlebte es nicht mehr, dass sich ein Bundesrat endlich
für die begangenen Verbrechen entschuldigte. Aber es
blieb bei hohlen Worten, und es wurden bis heute nur
lächerlich kleine Summen als Wiedergutmachung
ausbezahlt. Die Fahrenden kriegten keine neuen
Standplätze und auch die alte Forderung nach einer
einheitlichen Hausiererregelung in allen Kantonen wurde
nicht erfüllt. Ausser, dass die Behörden ihnen
nicht mehr die Kinder klauen dürfen, hat sich ihre
Situation nicht gebessert."
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