"Die Villa"

Leseprobe

1

Viola hat sich heute Morgen für neutrale, weisse Unterwäsche aus Baumwolle und die flachen, blauen Schuhe entschieden. Sie möchte auf Doktor Schenkel einen entspannten, eher sportlichen Eindruck machen. Deshalb auch die Jeans und der kleine Rucksack aus hellem Leder. Jetzt ist es abends um halb sechs und noch immer warm, eigentlich zu warm für den Mai. Sie wirft sich das Haar hinter die Schultern und geht etwas langsamer. Hier müsste sich die Akademie befinden. Der Zeitungsartikel mit dem Bild der alten Stadtvilla steckt zweimal gefaltet im äusseren Fach ihres Rucksacks. Die Hausnummer stimmt. Das Gebäude ist der Strasse abgewandt. Viola kann den Eingang nicht sehen. Links zwischen Grundstücksmauer und Hauswand steht ein von Efeu überwachsener Garagencontainer, davor ein alter, mattroter Fiat. Das zweiflüglige Gittertor ist angelehnt. Bei den ersten Schritten auf dem knirschenden Kies erwartet Viola Hundegebell, das glücklicherweise ausbleibt. Der Weg führt durch den kleinen Park zur Freitreppe. Schütterer Rasen umgibt den Vorplatz. Am Gartenhaus lehnen zerschlissene Liegestühle. Ein paar verspätete Tulpen spriessen aus dem Unkraut in den Blumentrögen vor der Freitreppe. Ein schmiedeisernes Geländer leitet Viola hinauf. Neben der Klingel, auf einem neuen Messingschild steht »Akademie Dr. Konrad M. Schenkel«. Sie wirft sich die Haare zurück und drückt auf den schwarzen Knopf. Ein scharfes, schrilles Läuten ertönt. Unerwartet schnell öffnet sich die Tür. Eine Frau mit riesigem Bauch und hochgesteckten blonden Locken schiebt sich an Viola vorbei. Im dunklen Entree erscheint ein Mann mit einem ebenso riesigen Bauch. Ob das der Doktor ist?
Viola hat die verweinten Augen der jungen Frau bemerkt und fühlt sich etwas verwirrt. Als die Frau über den Kiesplatz geht, schaut sie noch einmal zurück und lacht, als wäre das Rot nur aufgemalt und die Tränen bloss Wasser. Doktor Schenkel bittet Viola herein. Er riecht nach Schweiss. Das Empfangszimmer befindet sich links des Entrees und präsentiert sich unerwartet hell. Gelbe Wände, eine Stehleuchte aus Messing mit beigem Schirm, ein runder Glastisch, ein Rattansessel und ein Fauteuil aus moosgrünem Velours. Brockenhaus-Möblierung. Viola setzt sich in den nicht sehr stabil wirkenden Rattansessel und schlägt die Beine übereinander. Doktor Schenkel nimmt gegenüber Platz, kratzt sich in der wilden Mähne und schaut Viola belustigt an.
»Da ist sie also, die eifrige Schülerin, die denkt, dass sich das Heilen so einfach lernen lässt.«
»Vielen Dank, dass sie mich so schnell...«
Seine Hand, die eben noch teilnahmslos auf dem voluminösen Bauch geruht hat, schlägt in die Luft. »Bleib mir vom Hals mit Höflichkeiten! Hier drin sind wir alle nackt, verstehst du?«
Viola verschluckt sich vor Schreck, hustet, blickt an ihm vorbei an die Wand, auf das Bild mit dem chinesischen Drachen und hofft, dass er das Nacktsein nicht wörtlich meint.
»Schweigen kannst du woanders, so wird das nichts!« Er schüttelt den Kopf, stemmt sich aus dem Sessel und geht hinaus.
Viola starrt auf den leeren moosgrünen Fauteuil, auf die kahlen Stellen im Velours, die speckige Sitzfläche, den matten Glanz der Armlehnen. Hat sie sich in der Adresse geirrt und ist beim falschen Doktor gelandet? Im Fach unter dem Glastisch liegen, wie in jedem normalen Wartezimmer, ein paar Zeitschriften. Das beruhigt sie einigermassen. Viola hätte eigentlich einen würdigen, milden Mann erwartet, der sie freundlich hereingebeten, ihr klare Fragen gestellt und sie informiert hätte, wie er nun plane, weiter vorzugehen. Doch hier scheint es anders zu laufen, hier findet niemand Zeit, sich Heftchen anzuschauen. Sie sind auch ziemlich verstaubt. Viola weiss nicht, ob sie sich angezogen oder abgestossen fühlt von Schenkels impulsiver Art. 
Doktor Schenkel kehrt bald zurück, setzt sich wieder hin und lächelt nachsichtig. Sein Temperament, sagt er, gehe manchmal mit ihm durch. »Die Menschen sind so dumm, da fehlt mir hin und wieder die Geduld. – Erledigen wir zuerst das Geschäftliche.«
Die Bedingung, um an einem Kurs teilzunehmen, das hat Viola bereits im Zeitungsartikel gelesen, ist die Bereitschaft, die Arbeitsweise von Doktor Schenkel am eigenen Leib zu erfahren. Nur so entstehen Sensibilität und Offenheit für die Phänomene, die sich beim Heilungsprozess einstellen können. Darüber redet er nun und auch davon, dass seine Behandlungen weltweit einmalig seien und sogar Leute aus Übersee zu seinen Klienten zählten. Dann nennt er den Preis für die erste Behandlung, zehn Prozent Rabatt fürs Fünferpaket bei Barzahlung. Viola schwankt noch, als sie das Portemonnaie aus dem kleinen Rucksack klaubt. Vielleicht ist sie ja begabt und braucht bloss zwei oder drei. Schenkel sagt, mit weniger als fünf Behandlungen habe es noch niemand geschafft, aufgenommen zu werden, weil die persönliche Reifung Zeit brauche. Viola zählt die Scheine heraus. Er nimmt das Geld und steckt es in die Hosentasche. Dann öffnet er die Verbindungstür und führt Viola in den Behandlungsraum. »Dort ist ein Stuhl für die Kleider, und hier legst du dich hin.«
Da steht sie nun unschlüssig im Halbdunkel. Schenkels Schritte entfernen sich. Wie im Vorzimmer ist auch hier die Decke mit Stuck verziert. Auf dem Parkett liegt ein grau-grüner Teppich, da und dort zeigt sich ein Schmutzfleck. Die dunkelroten Vorhänge sind zugezogen. Der kleine Heizlüfter verwirbelt den Staub, der auch hier reichlich vorhanden ist. Viola streift sich das T-Shirt über den Kopf, wirft es auf die Stuhllehne, steigt aus der Jeans, zieht Unterhemd und Socken aus und legt sich auf die Matratze in der Mitte des Raumes. Aus dem alten Kassettenrekorder klimpert Klaviermusik, begleitet vom zirpenden Abspulgeräusch. Sie steht noch einmal auf und zieht den Büstenhalter aus. Als sie wieder liegt, kommt es ihr vor, als schaukle der Messingleuchter mit den zapfenförmigen Birnen, als schaukle die Villa, ein Schiff im Ozean. Das weiche Licht bewegt sich wie Wasser über die Decke. Sie denkt an die Arche Noah und nimmt sich vor, eine Quittung zu verlangen, vielleicht lässt sich der Betrag von der Steuer abziehen. Und wie sonst könnte sie beweisen, dass sie die fünf Behandlungen bezahlt hat. Bevor sie dazu kommt, noch einmal aufzustehen, um auch die Unterhose auszuziehen, weil sie doch plötzlich findet, nackt heisse nackt und nichts anderes, betritt Doktor Schenkel das Zimmer. Zuerst sieht Viola nur seinen weissen Bauch, dann die schmalen Schultern, den kurzen  Hals. Um die Hüften trägt er ein Lendentuch. Das beruhigt sie. Er dreht die Musik leiser, was sich ausserhalb Violas Blickfeld abspielt. Sie schliesst die Augen. Als er neben der Matte in die Knie geht, hört sie seine Gelenke knacken. Es bleibt eine Weile still, und als Viola die Augen öffnet, einerseits um festzustellen, dass sie nicht träumt, andererseits um zu sehen, dass er noch da ist, vielleicht zu erkennen, was in ihm vorgeht, jedoch noch ohne einen Gedanken daran, ihre sorgfältig vorbereiteten Fragen zu äussern, sagt er, sie solle schweigen.
»Es gibt nichts zu reden, du sollst spüren lernen, daran krankt die Welt, die Menschen fühlen nichts mehr, kapseln sich ab, verbarrikadieren sich, den Empfindungen vertrauen, das ist es!«
So redet er eine ganze Weile, und Viola wartete auf das Ende dieses Schwalls, um dann endlich ihre sorgfältig vorbereiteten Fragen zu stellen. Sie hat über die unsichtbare Energie, die Doktor Schenkel zum Heilen zu Hilfe nimmt, nachgedacht und möchte nun bestätigt haben, dass die Vorstellung, die sie sich darüber macht, auch zutrifft. Sie hofft, Doktor Schenkel damit in Erstaunen zu versetzen, so wie sie sich manchmal selber in Erstaunen versetzt mit ihren Gedankengängen und Schlüssen daraus. Sie stellt sich vor, die unsichtbare Energie suche sich den Weg durch den Körper wie ein Gebirgsbach durchs Geröll, schwemme mit kalten, wilden Wassern alles Kranke heraus und befreie den Körper auf diese Weise von seinen Beschwerden. Dieses Bild hätte sie ihm gern geschildert. Eigentlich ist sie bereits überzeugt, dass es nur so und nicht anders funktionieren kann. Sie erschrickt heftig, als Schenkel mit der Hand ihren Bauch berührt. Nach einer Weile beruhigt sich ihr Herzschlag, und er legt die andere Hand an ihre Stirn. Die Entspannung tritt sofort ein. Es ist, als strecke sich ihr Körper, als werde er weich und dehne sich aus.
Was sie spürt? – Ein sanftes Wogen, hin und her, zwischen Kopf und Bauch, ja. Aber so wie Doktor Schenkel die Frage stellt, ist sie nicht sicher, ob das die richtige Antwort ist und erkundigt sich vorsichtshalber, ob er innerlich oder äusserlich meine.
»Ich stelle dir eine einfache Frage und möchte eine einfache Antwort erhalten. Was spürst du?«
Es bleibt still. Viola kann die Frage nicht beantworten. Sie ist aus unerklärlichen Gründen einfach nicht fähig, auf eine solche Frage eine klare Antwort zu geben. Stattdessen beginnt sie zu heulen, völlig überraschend, flutend wie ein Gebirgsbach, der über die Ufer tritt. Sie schluchzt und zittert und begreift plötzlich, dass ihr Inneres einer Gerümpelkammer gleicht, die hier Stück für Stück entleert werden soll.
»Frauen und Vollmond«, sagt Schenkel zum Abschluss, »sind eine Kombination, die unberechenbare Auswirkungen hat.« Dann lacht er laut und schallend, er lacht bis ihm die Tränen kommen. Das tröstet Viola, vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm mit ihr und dem Chaos, vielleicht helfen ihr die Behandlungen, etwas Ordnung in ihr Inneres zu bringen, das stimmt sie zuversichtlich. Und vielleicht ist dieses Lachen daran schuld, dass sie vergisst, eine Quittung zu verlangen und auch vergisst, den Termin für eine weitere Behandlung auszumachen. Obwohl sie nicht versteht, was hier geschehen ist und sich nicht vorstellen kann, was noch geschehen soll, bedankt sie sich innigst bei Doktor Schenkel. Sie will ihn gar nicht mehr loslassen, so wohl und geborgen fühlt sie sich in seiner Umarmung. Getröstet und gestärkt geht sie hinaus.
Doktor Schenkel steht auf der Treppe und blickt Viola nach, wie er der Schwangeren nachgeblickt hat, und Viola schaut zurück, lachend, als wären die roten Augen nur aufgemalt. Der Himmel ist noch immer wolkenlos. Viola friert plötzlich. Koni, ist das ein passender Name für einen alten Mann? Ich lade dich ein, mich Koni zu nennen! Hätte er gesagt, nenn mich Koni, wäre es ihr leichter gefallen. Sie wird ihn nicht duzen. Sie kann das nicht. Es ist das einzige, was sie im Moment ganz klar weiss. Vorsichtig und konzentriert geht sie über den Kies und kann es doch nicht vermeiden, dass ihr ein Stein in den Schuh springt. Der Fiat ist weg. Also gehört er der Schwangeren. Sie bleibt stehen, bückt sich, um den Schuh zu leeren. Das Gittertor quietscht. Sie schwankt, sieht den Hund, die flatternden Ohren, verliert das Gleichgewicht, spürt die nasse Schnauze im Gesicht, die Zunge. Alles passiert gleichzeitig. Eine Hand greift nach dem Halsband und zieht den Hund weg. »Normalerweise gibt er Pfötchen«, sagt ein grosser, schlanker Mann.
Viola ist wütend. Spielen, natürlich wollen Hunde spielen, vor allem junge Hunde, das weiss sie auch, und dazu springen sie hoch und lecken fremde Gesichter ab. »Da!« Sie zeigt dem Mann die Pfotenspur auf ihrer Hose, und er bietet ihr sofort an, die Reinigung zu bezahlen. Darum geht es Viola nicht, und das sagt sie ihm. Mit einem charmant hilflosen Lächeln entschuldigt er sich und tätschelt dabei seine winselnde Promenadenmischung. »Blacky!« Natürlich braucht sie dieses neugierige, verspielte Tier nicht zu fürchten. Sie blickt von den dunklen Augen des Hundes in die dunklen Augen des Herrn, der sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, die sich vom Pferdeschwanz gelöst hat, und wendet sich ab, bevor er ihre Gefühlsregung bemerken kann. Sie überlässt es ihm, das Tor zu schliessen.
Auf der Strasse stellt sie fest, dass sie schwitzt. Wir werden uns sicher öfter begegnen, hat er gesagt. Stanek. Sie kann den Namen nicht einordnen, nicht einmal, ob es sich um einen Vor- oder Nachnamen handelt. Ist sie ihm schon irgendwo begegnet? Sein Gesicht kommt ihr bekannt vor, die hohe Stirn, die lange, gerade Nase, die ausgeprägten Wangenknochen. Plötzlich nimmt sie die Blicke der Passanten wahr. Sie fühlt sich wie frisch aus dem Bett, zerzaust und ungewaschen, fährt sich ordnend durchs Haar, hält die Hand an die Nase und riecht den Hund. Das Tram quietscht an ihr vorbei auf die Haltestelle zu. Wenn sie rennt, erwischt sie es noch.
Um diese Zeit ist die Bahn nicht mehr voll. Sie setzt sich nach hinten. Als sie die Köpfe vor sich betrachtet, stellt sie fest, dass zusammengebundenes Haar bei Männern nichts Aussergewöhnliches ist. Sie entdeckt mindestens fünf, darunter ein dünnes, graues Mäuseschwänzchen. Später konzentriert sie sich auf schwarze Locken. Dann auf langes, schwarzes, gelocktes Haar bei Männern. Da muss sie schon gut schauen, bis sie einen entdeckt. Beim Bahnhof entsteht Bewegung. Der Wagen leert und füllt sich wieder. Stadtauswärts beruhigt sich der Verkehr. Erste Bäume unterbrechen die Häuserzeilen. Später schieben sich Rasenfelder zwischen die Wohnblöcke. Sträucher und Gärten. Die Stadt franst aus. Viola fährt zur Endstation, die wie ein Satellit am Waldrand liegt. Das Tram leert sich, die Leute verschwinden im Untergrund und tauchen auf der andern Seite wieder auf. Viola folgt der leicht abfallenden Strasse, atmet die frische, milde Luft, den intensiven Duft der blühenden Büsche. Ist sie nicht ein zufriedener und glücklicher Mensch?
Wohnblöcke aus den Fünfzigerjahren gibt es viele in dieser Gegend. Ausser dass man früher als Familie darin wohnte, wo sie nun allein lebt, hat sich nicht viel verändert. In den Küchen stehen grössere Kühlschränke, die Schubladen und Regale sind mit Selbstklebefolien ausgekleidet und auf den Balkonen giesst man exotische Gewächse anstatt Geranien. Sie öffnet die Wohnungstür, tritt sich die Schuhe von den Füssen und geht in die Küche. Auf dem Tisch liegt die ungeöffnete Post. Sie schaltet das Radio ein. Der Kühlschrank gibt nicht viel her: Joghurt, Griechischer Käse, eine halbe Gurke, eine gelbe Paprika. Daraus lässt sich ein Salat mischen. Sie nimmt Rüstbrett und Messer, schält eine Zwiebel, würfelt, hackt und schnetzelt, würzt den Joghurt, rührt ihn darunter und stellt die Schüssel auf den Tisch. Klaviergeklimper. Das kennt sie doch, diese klirrenden Knochen ohne Fleisch. Die Musik erinnert sie an Doktor Schenkels zitternde Mähne, an seine zitternden Pupillen. Oder vielleicht hatte der Boden gezittert, die ganze Villa, weil die Lastwagen die Erschütterungen von der Strasse aufs Haus übertrugen. Sie kennt dieses Phänomen aus der Kindheit. Es ist nicht unangenehm, das Erdbrummen zu spüren. Man gewöhnt sich daran, so wie sie sich an die Pausenglocke der Schule hier gegenüber gewöhnt hat. Sie setzt sich, probiert den Salat und würzt mit etwas Pfeffer nach. Dann schiebt sie die Messerspitze in den obersten  Umschlag, schneidet ihn auf, nimmt den Brief heraus, entfaltet ihn und legt ihn auf die linke Seite. Diese kleine Zeremonie wiederholt sie. Rechnungen und Reklamen liest sie beim Essen, persönliche Briefe hebt sie für später auf. Heute ist nichts Interessantes dabei. Sie wirft die Umschläge zum Altpapier und denkt an die Flatterohren des Hundes. Sie hat vergessen, sich das Gesicht abzuwaschen. Und plötzlich ist es wieder da, dieses Gefühl von schmuddeliger Verschlafenheit und halbwachem Bewusstsein. Sie sieht sich auf der Matte liegen und zu diesem hypnotisch schaukelnden Leuchter hinaufstarren. Gab es so etwas wie ein Wahrheitsserum? Hat sie das nicht heute Morgen in der Zeitung gelesen? Für Geheimdienste. Ein gasförmiges Serum, das unbemerkt in die Räume gelangte. Warum hat sie Schenkel so viel von sich erzählt, viel zu viel, die ganze Geschichte von Joe, als sei das Verlassenwerden ein einziges grosses Unglück, als habe die wiedergewonnene Freiheit nicht auch ihre guten Seiten. Wovon hat sie sich verführen lassen? Von seiner väterlichen Art ihr übers Haar zu streichen? Sie steht auf und stellt das Geschirr in die Spülmaschine. Als das Telefon klingelt, trocknet sie sich die Hände ab und eilt ins Wohnzimmer hinüber. Sie kennt die Stimme. Dass sie erschrickt, hat nichts mit Doktor Schenkel zu tun, sondern damit, dass sie hundert andere Stimmen zuerst erwartet hätte. Sie setzt sich. Er will wissen, ob sie gut nach Hause gekommen sei und wie sie sich fühle. Seine unsorgfältige Aussprache fällt ihr auf. Ich weiss nicht, hätte sie antworten wollen, ich weiss nicht, wie ich mich fühle, oder wie ich mich fühlen sollte, aber sie bringt keinen Pieps heraus.
»Du sagst nichts?«
Auch darauf weiss sie keine Antwort. Eigentlich möchte sie jetzt gar nicht reden. Und Fragen beantworten auch nicht. Er könnte sich eine fruchtbare Weiterarbeit mit ihr vorstellen, sagt er, und es klingt fast schluchzend, als er hinzufügt: »Diese Sensibilität ist eine aussergewöhnlich seltene Begabung...« Dann redet er von einer Kursgruppe und, sofern sich Viola nicht täuscht, von seiner Frau, die irgendwie verschwunden ist, eine komplizierte Geschichte. Wahrscheinlich hat sie ihn verlassen. Viola wechselt den Hörer ans andere Ohr und schaut auf die Uhr. Vor fünf Minuten hat die Medizinsendung begonnen. Das Wort Sensibilität schwebt in ihren Gedanken. Es klingt wie eine Auszeichnung. Ist Sensibilität eine besonders wertvolle Eigenschaft? Der Kurs, er redet vom nächsten Kurs, in dem noch ein Platz frei sei. Nein, Viola kann sich nicht entscheiden, das geht ihr alles zu schnell, sie muss doch zuerst noch vier Behandlungen...
»Du bist nicht flexibel!«
Sie vereinbaren einen Termin für nächste Woche, und endlich kann sie den Fernseher einschalten. Eine glänzende Rosette füllt den Bildschirm und entpuppt sich nach längerem Hinschauen als Anus. Gezeigt wird die Behandlung von Hämorrhoiden. Zwischendurch das braungebrannte Gesicht des Arztes, seine angenehm freundliche Stimme, die über verschiedene Methoden aufklärt. Filmschnitt. Der Patient schildert, wie viel besser es ihm nun geht. Er sitzt im Sprechzimmer des Arztes, der eben die Verödung durchgeführt hat. Also doch nicht live. Das Telefon klingelt und Viola liegt nicht falsch mit ihrer Vermutung. Es ist tatsächlich noch einmal Schenkel. Sie solle es sich mit dem Kurs überlegen, hineinpassen würde sie gut, da brauche sie keine Bedenken zu haben. »Nun aber genug!« Er sagt es vorwurfsvoll, wie wenn nicht er, sondern Viola zuviel geredet hätte.