"Das
Verhör des Harry Wind" von Walter Matthias Diggelmann
Leseprobe
Hauptmann Kurz trägt
keine Uniform. Der Kommandant, er hat den Rang eines Majors,
trägt auch keine Uniform. Auch die Leutnants tragen
keine Uniform. Nur die Soldaten, die Gefreiten und die
Unteroffiziere müssen Uniform tragen. Natürlich
sind auch die Beamten der Kriminalpolizei nicht uniformiert.
Alles in der Kaserne ist hell und freundlich. Würde es
nach Antibiotika riechen, würde man annehmen, dies sei
ein Krankenhaus. Aber es riecht nur nach Büro, nach
Verwaltung. Hauptmann Kurz geht links von mir, bei
Engpässen, bei Türen zum Beispiel, geht er voraus.
Rappold hat sich in letzter Sekunde entschlossen
mitzukommen, obgleich man ihn nicht nötig hat.
Uniformpolizisten mit Papieren in Händen begegnen uns,
grüssen auf militärische Art. Hauptmann Kurz
grüsst zurück, indem er zwei Finger der rechten
Hand an seine Schläfen legt. Wir kommen an einer
Türe vorbei, und ich bleibe stehen, denn die Anschrift
interessiert mich:
"Fernmeldezentrale". Kurz sagt:
"Das kennen Sie noch nicht. Interessiert Sie das?"
Ich nicke. Wir besichtigen die Fernmeldezentrale: Sende- und
Empfangsgeräte, Fernschreiber, Telefone,
Alarmvorrichtungen. An der Wand eine Mattscheibe von drei
mal vier Meter: Zahlen leuchten auf, und gleichzeitig
ertönt eine männliche Stimme aus irgendeinem
Lautsprecher, der nicht zu sehen ist. Kurz sagt:
"Ich will Ihnen etwas zeigen." Er geht zum Schaltpult, das
aussieht wie irgendein Regiepult beim Rundfunk oder ein
Mischpult im Schallplattenstudio. Kurz drückt auf
einige Tasten und ruft eine Nummer auf. Die aufgerufene
Nummer erscheint auf der Mattscheibe. Dazu meldet sich eine
Stimme.
"Wo sind Sie?", fragt Kurz. Die Stimme antwortet:
"Hier ZH 2357, wir patrouillieren zwischen Birmensdorf und
Affoltern am Albis."
"Nichts Besonderes?"
"Nichts Besonderes. Zwei Anzeigen wegen Überfahrens der
Sicherheitslinie."
"Danke. Ende."
Wir gehen weiter zum
Erkennungsdienst, zur Daktyloskopie. Der Daktyloskopist
nimmt meine Finger, als wären sie aus Holz, drückt
die Fingerbeeren, dann auch die Handballen hart auf eine
geschwärzte Unterlage und dann auf das Karteiblatt.
Kurz sieht zu, Rappold beobachtet das übrige Treiben:
an allen Karteikasten stehen Männer und suchen. Wir
begeben uns in einen anderen Raum, ins Fotostudio. Ich muss
mich auf einen Stuhl setzen: Bitte ohne Krawatte, und Kragen
geöffnet. Der Adamsapfel muss mit drauf auf dem Foto
sein. Den Hinterkopf muss ich an eine Stütze pressen,
die Hände bitte auf die Knie. Ich muss stillhalten. Der
Fotograf heftet eine schwarze Tafel an meine Brust. Darauf
lese ich: Harry Wind, 4.7.1918/286345. Ich muss stillhalten.
Der Fotograf kann meinen Stuhl aus der Entfernung steuern:
Der Stuhl dreht sich rechts herum, dann links herum. Das
Licht bleibt dasselbe. Sie machen keine Porträtstudien
hier, das ist klar. Hier ist es wichtig, dass auf dem Foto
das Muttermal an meinem linken Nasenflügel zu sehen ist
und die Narbe in der Mitte der Stirne. Nach der Aufnahme
werden meine Körpermasse gemessen: 1,80 gross,
Brustumfang 92. Dann folgt eine Beschreibung: hängende
Schultern, Zähne intakt, bartlos, auf dem linken
Nasenflügel Muttermal, Durchmesser zwei Millimeter, in
der Mitte der Stirn schöne Narbe, drei Zentimeter lang,
senkrecht verlaufend. Augen: grünbraun, Haare
dunkelbraun bis schwarz.
"Wenn ich die Haare eine Woche lang nicht gewaschen habe,
scheinen sie schwarz; ganz schwarz", sage ich.
Der Beamte überhört meinen Einwurf. Er spannt ein
Formular in die Maschine, frägt mich nach Namen,
Vornamen, Geburtsdatum. Er tippt mit nur zwei Fingern.
Hauptmann Kurz steht am Fenster. Er hat die Vorhänge
zurückgeschlagen. Rappold interessiert sich für
die Fotoapparate. Hin und wieder stellt er dem Beamten eine
Frage. Er besitze privat eine "Hasselblatt", mit
Teleobjektiv, sagt er. Vor allem fotografiere er vom Fenster
seiner Wohnung aus Strassenszenen.
"Militärische Einteilung, Grad…?", frägt mich
der Beamte.
"Major, Kommandant Bataillon…"
"Hören Sie", unterbricht mich der Mann barsch, "wir
machen hier keine Witze!"
"Es tut mir leid", wendet sich Rappold an mich, "dass ich
Ihnen diese Prozedur nicht ersparen kann. Hier muss jeder
erkennungsdienstlich erfasst werden. Es handelt sich nicht
um eine Schikane."
Der Beamte scheint zu verstehen. Von nun an spricht er in
einem milderen Ton zu mir. Als ich die Krawatte umbinde,
hält er mir den Spiegel.
"Bitte", sagt er.
Hauptmann Kurz scheint von allem keine Notiz zu nehmen. Er
begleitet uns zum Büro des Kommandanten
zurück.
Es ist elf Uhr, und ich fühle mich unbehaglich. Ich
weiss, dass ich jetzt nicht sagen kann:
"Entschuldigen Sie mich, Herr Rappold, wir müssen
unsere Sitzung vertagen, weil ich verabredet bin."
Ich kann nichts unternehmen. Ich kann auch nicht den
Telefonapparat zu mir herüberziehen und irgendeine
Nummer einstellen. Ich bin in Gefahr. Man rede mir nicht von
der "inneren Freiheit". Das ist Theologie. Rappold scheint
nur zwei Arten von Menschen zu kennen: Landesverräter
und Patrioten. Ich fürchte nicht, dass er
plötzlich eine zusammenlegbare Peitsche aus der
Rocktasche zieht. Dafür wurde er nicht nach Wien,
Berlin, Paris und London geschickt. Die Schläger unter
den Polizisten bleiben in Uniform. Aber ich könnte mir
vorstellen: Rappold weiche Tag und Nacht nicht von meiner
Seite. Wir beziehen anstelle einer Zelle ein Hotelzimmer,
wir lassen uns weissen Bordeaux bringen und Austern,
Tournedos Rossini, Espresso mit Framboise, eine Havanna. Die
Zimmertüre ist nicht abgeschlossen. Und immer wieder
sagt Rappold zu mir: "Bitte, die Türe ist offen, gehen
Sie." Und jedes Mal, wenn ich entschlossen bin zu gehen,
sind meine Beine eingeschlafen. Nach Tagen oder Wochen nehme
ich mir vor, Rappold umzubringen. Mit meinen
Händen.
Ich will in meine Zelle
geführt werden. Ich will mich zwei oder drei Stunden
allein in meiner Zelle aufhalten, damit ich mich an die vier
Mauern und an die Stäbe vor dem Fenster gewöhnen
kann. Es ist klüger, nicht gleich zwölf Stunden
hintereinander in der Zelle zu bleiben.
Rappold kommt zur Sache. Aber kaum hat er einige Worte
gesagt, geht die Türe auf. Der Kommandant kehrt
zurück. Er lächelt.
"Ich habe mein Schnellboot", sagt er und reibt sich die
Hände. "Die Expertenkommission hat sich überzeugen
lassen. Wir haben dabei beinahe einen Polizeimann verloren,
so stark haben meine Leute den Motor gedrosselt. Der Mann
ging zweihundert Meter vom Ufer entfernt ins Wasser. Er
sollte einen Ertrinkenden, einen Erschöpften markieren;
einen schlechten Schwimmer. Der Mann machte das grossartig.
Er tauchte unter, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Dann
schrie er. Er schrie wie einer, der wirklich am Ertrinken
ist. So laut schrie er, dass seine Hilferufe beinahe den
blubbernden Motor unseres Bootes übertönten. Die
Herren Experten wurden unruhig. Und ich wusste
plötzlich, dass mein Mann da draussen es ernst meinte.
Der spielte gar nicht mehr. Der war wirklich am Ertrinken.
Und nun kamen wir nicht von der Stelle mit dem gedrosselten
Motor. Aber schliesslich schafften sies und brachten ihn an
Land. Er war erschöpft, er hatte Wasser geschluckt.
Niemand hatte an das kalte Wasser gedacht. Daran hatten wir
wirklich nicht gedacht. Aber nun hat er zwei Tage Urlaub,
und ich bekomme mein Schnellboot…"
Der Kommandant
lächelt. Er steht vor seinem Schreibtisch und sieht die
Morgenpost durch. Er ist von Legenden umwoben. Während
zwölf Jahren war er Chef der Kriminalpolizei der Stadt
Zürich. Während dieser zwölf Jahre blieb kein
Kapitalverbrechen ungelöst. Wie er das schaffte, war
sein Geheimnis. Dann wurde er erster Staatsanwalt. Ich
lernte ihn eines Nachts kennen. Ich sass spät abends
mit einigen Freunden aus der Studentenzeit im "Grünen
Scherben". Wir hatten viel Bier und Schinkenhäger
getrunken. Um halb eins, da wir nach Gesetz den "Scherben"
hätten räumen müssen, trat er ein. Er setzte
sich an unseren Tisch, und als die Streife kam, um uns
aufzuschreiben, weil wir noch immer dasassen, sahen die
beiden Polizisten ihn, grüssten und gingen. Sie sagten
der Wirtin nur, sie müsste die Türe schliessen.
Sie schloss die Türe und liess keine neuen Gäste
mehr ein.
Er trank Rotwein. Um acht
Uhr morgens, sagte er nebenbei, beginne seine Schlussrede
vor den Geschworenen. Zwei Männer waren des Raubmordes
angeklagt. Der Streit drehte sich nur noch um die rechtliche
Beurteilung: Raubmord oder Totschlag? Ich war Jurist, und
meine Zukunft noch nicht entschieden. Würde ich doch
noch Strafverteidiger werden? Ich brachte das Gespräch
auf die beiden Mörder, aber es war wenig aus ihm
herauszuholen. Wir sassen bis gegen vier Uhr in der
Früh im "Scherben", und alles, was er über seinen
Beruf sagte, war:
"Die würden ihre blauen Wunder erleben, wenn ich
Verteidiger wäre statt Ankläger."
Er meinte die Bürger. Ich sagte:
"Wechseln Sie doch Ihre Stellung."
"Nein", erwiderte er, "das kann ich nicht. Ich spiele zwar
mit dem Gedanken, aber ich könnte es doch nie
tun."
Um vier Uhr nahm er ein
Taxi und fuhr nach Hause. Er badete und fuhr anschliessend
ins Bahnhofrestaurant und frühstückte. Um acht
stand er vor den Geschworenen. Wir sassen auf der
Tribüne. Sein Plädoyer war scharfsinnig und milde
in einem. Sein Auftreten so, als hätte er die Nacht
schlafend verbracht. Er redete ununterbrochen zwei Stunden
lang. Als er aufhörte, erhob sich einer der
Angeklagten, ging auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ich sass
noch öfters auf der Zuschauertribüne, wenn er als
Ankläger auftrat. Nur wenige Angeklagte haben ihm die
Hand nicht gereicht. Kein Verteidiger ist je gegen ihn
aufgekommen. Die Legende erzählt, er habe alle
Nächte, die seinen grossen Schlussreden vor Gericht
vorangegangen seien, beim Rotwein im "Grünen Scherben"
oder ähnlichen Lokalen verbracht. Ich selbst habe auch
einige dieser Nächte in seiner Gesellschaft verbracht.
Seinetwegen hatte ich angefangen, Rotwein zu
trinken.