|
|
Nachruf auf Lotte Hümbelin
Von Jeannine Horni
Ich habe Lotte
Hümbelin vor ziemlich genau 10 Jahren als Lektorin Ihrer Autobiografie
"Mein eigener Kopf" kennen gelernt. Ich traf eine energische, kluge
und warmherzige Frau, die trotz ihres hohen Alters stets neugierig auf die Welt
war. Lotte hat mich zur Autorin ihres Nachrufs erkoren, weil sie dachte, ich
kennte aufgrund der Arbeit an ihrem Buch ihre Lebensgeschichte am besten. Schon
damals wie auch jetzt, beim Verfassen dieses Nachrufs, habe ich gedacht: Lotte
hat sieben Leben gelebt, mindestens. Von daher bitte ich um Nachsicht gegenüber
der Länge des folgenden Lebenslaufs. Und ich hoffe, dass Lottes
Lebensgeschichte sie genau so fesseln wird wie mich.
Das Leben von Charlotte Hümbelin
Charlotte wird am
22. Januar 1909 in Wien geboren, mitten hinein in eine Zeit, die mit ihren
Wirren schon den Untergang der Donaumonarchie ankündigt. Vater Bernhard Bindel
und Mutter Eugenie Kern haben sich in Wien kennen gelernt, stammen aber aus
völlig anderen Ecken des Vielvölkerreiches. Die Mutter kommt aus einem Schwabendorf
an der österreichisch-ungarischen Grenze, der Vater aus der Stadt Lemberg, die
später zum ukrainischen Lwow wird. Er bringt die zwei kleinen Söhne Jack und
Jula mit in die Ehe.
Die Familie
Bindel lebt in einer ärmlichen Mietskaserne im Judenviertel Wiens, der
Leopoldstadt. Lotte erinnert sich in ihren wunderschön geschriebenen Memoiren
mit Grausen, wie nachts – kaum war das Licht an – aus den Löchern und Ritzen die
Schwaben- und Russenkäfer herausraschelten, denen die Mutter trotz wilden
Putzens nicht Herr wird. Gleich um die Ecke der Wohnung betreibt der Vater
einen Friseursalon. Was er verdient, reicht knapp, um die Familie über Wasser
zu halten.
Lotte verlebte
eine Jugend, in der es – laut ihrer eigenen Aussage – nicht viele Farbtupfer
gibt. Einer der Höhepunkte sind ihre jährlichen Sommerferien auf dem Land bei
Verwandten der Mutter im so genannten Kroatendorf. Das Stadtkind trifft hier
eine ganz andere, faszinierende Welt, in die der erste Weltkrieg kaum reicht. Auch
der Zusammenbruch des Habsburgerreiches und die Ausrufung der demokratischen
Republik Österreich ändert hier nicht viel.
Mit 15 kann Lotte
dank eines Stipendiums, das ihr die Lehrerinnen verschaffen, in das
Mädchengymnasium eintreten. Ihre Mitschülerinnen stammen zumeist aus besseren
Kreisen, unter denen die kleine Bindel eine Aussenseiterin bleibt. Das Abitur
schafft sie ohne grosse Mühe, sehr zum Stolz des Vaters, der seine intelligente
Tochter bewundert, wegen ihres eigensinnigen Kopfes aber zugleich fürchtet. Im
selben Jahr, 1928, immatrikuliert sich Lotte an der Universität Wien für ein
Geschichtsstudium.
Noch während
ihrer Zeit am Gymnasium schliesst sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend
an. Wien ist unterdessen "rot" geworden, der Austromarxismus mit
seinen mutigen sozialen Experimenten findet breite Unterstützung. Trotz
schlechter Wirtschaftslage herrscht Aufbruchstimmung, die auch Lotte erfasst.
Sie liest die Schriften der politischen Theoretiker jener Zeit und schreibt: "Das
Verständnis für die sozialen Fragen musste ich mir nicht auf dem Umweg über die Theorie erst mühselig erarbeiten.
Alles war wegen meiner persönlichen Geschichte in mir vorbereitet – die Theorie
war nur eine Bestätigung des bereits intensiv Erlebten."
Mit 17 radikalisiert
sie sich und tritt in den Kommunistischen Jugendverband Österreichs ein. In der
kommunistischen Bewegung findet sie ihre politische Heimat. Ihr Leitbild wird
Alfred Klahr, später einer der wichtigen Theoretiker der KPÖ. Im Juli 1927
bekommt sie den Arbeiteraufstand in Wien, der 90 Tote und hunderte Verletzte fordert,
hautnah mit. Danach hält sie sich praktisch nur noch im KJV-Lokal im
Arbeiterheim auf, stürzt sich in fieberhafte Aktivitäten und vernachlässigt die
Schule.
Lotte ist zwar
blitzgescheit und intellektuell auf dem Qui-vive, leidet aber darunter, dass
kein Mann das hässliche Entlein, als das sie sich sieht, anschaut. Umso
heftiger verliebt sie sich dann in einen feschen jungen Sudetendeutschen, der
unter dem Decknamen Hermes ab und zu an den KJV-Treffen auftaucht, von allen
Mädchen angehimmelt wird und schliesslich ausgerechnet sie als Partnerin
auswählt. Die beiden bleiben zehn Jahre lang ein Paar und führen – immer wieder
voneinander getrennt – eine wechselvolle Beziehung, die für Lotte auch viel schmerzliche
Gefühle bringt. Hermann Köhler, wie er richtig heisst, ist Mitglied der OMS,
einer Art Informations- und Spionageorganisation, die von der russischen Partei
aufgebaut worden ist. Lotte wird so etwas wie seine Privatsekretärin. Neben
ihrem mehr schlecht als recht verfolgten Geschichtsstudium an der Universität
Wien erledigt sie für Hermes unterschiedlichste Hilfsarbeiten, schreibt
Flugblätter, stellt Schulungsprogramme zusammen und lässt sich auf vielerlei
Art instrumentalisieren.
1929 erleidet Lotte
einen Nervenzusammenbruch, sie ist erfüllt von einer grossen inneren Unruhe und
zugleich völlig erschöpft, sie kann nicht mehr essen, nicht mehr schlafen.
Heute würde man von einem Burn-out sprechen. In einem Sanatorium in der Nähe
von Wien kommt sie langsam wieder zu Kräften. Als die Mutter ihr bei einem
Besuch die Beziehung mit dem nicht immer treuen Hermes auszureden versucht,
bricht sie mit der Familie und zieht – kaum genesen – zu ihrem Geliebten. Sie
ist 20 Jahre alt.
1930 wird Hermann
Köhler nach Moskau berufen, um eine Zeitlang in der Jugendinternationale mitzuarbeiten.
Lotte gibt ihr Studium auf und folgt ihm, begleitet von ihrer Freundin Gerti Schindel,
im Juli 1931 nach. Zusammen mit Hermes bezieht sie ein Zimmer im Hotel Lux, in
dem zu jener Zeit zahlreiche Führungsmitglieder der Kommunistischen
Internationale, vor allem deutsche Emigranten, leben. Lotte lernt viele von
ihnen kennen. Während Hermes arbeitet, nimmt sie Russischstunden und erkundet die
Stadt Moskau. Was sie sieht, gibt ihr zu denken. Die materielle Not der
Bevölkerung scheint ihr vor allem angesichts der Privilegien der Komintern-Angehörigen
im Hotel Lux ein Hohn.
Nach ein paar Monaten
tritt Lotte eine Stelle als Redaktorin in der Verlagsgenossenschaft für
ausländische Literatur an. Sie bekommt die Anfänge der stalinistischen Diktatur
mit, ohne sie wirklich wahrzunehmen. 1932 wird Hermes nach Lettland geschickt.
Lotte bleibt allein in Moskau zurück und fühlt sich einsam. Im Sommer hat sie
eine kurze Affäre mit einem Arbeitskollegen. Als Hermes, der in Riga ebenfalls
eine Liebschaft hatte, im Herbst zurückkommt, merkt sie, dass etwas zerbrochen
ist. Es ist der Anfang von einem langen Ende.
Wenig später
entscheidet sich Lotte, nach Österreich zurückzukehren. Zwischendurch hat sie
mit dem Gedanken geliebäugelt, in der Sowjetunion zu bleiben, doch ihr Herz
gehört Wien. Der Sowjetunion und später Russland bleibt sie aber zeit ihres Lebens
verbunden, und sie verfolgt die politischen Entwicklungen in dieser Region der
Welt stets mit besonders grossem Interesse.
Das Wien, das
Lotte bei ihrer Ankunft im Sommer 1933 antrifft, ist ihr fremd geworden. Die
Kommunistische Partei ist verboten, die Sozialdemokratie zurückgedrängt. Die
Nazis demonstrieren ihre Haltung ganz offen. Die Arbeiter warten auf ein
Zeichen zum Aufstand gegen die austrofaschistische Dollfuss-Regierung. Der
bricht im Februar 1934 aus, als der republikanische Schutzbund verboten wird
und die faschistische Heimwehr versucht, ihn zu entwaffnen. Mehr als 200
Schutzbündler werden getötet, viele in Lagern gefangen gesetzt und mehrere gehängt.
Lotte lebt zu
diesem Zeitpunkt bei ihren Eltern und beteiligt sich an den illegalen Aktivitäten
ihrer Partei. Sie wird Verantwortliche für die Bildungsarbeit im Kommunistischen
Jugendverband. Ende 1934 trifft sie Hermes, der ständig unterwegs ist, in Prag.
Dort überträgt ihr die Partei die Redaktion der Zeitung
"Proletarierjugend", die in mehreren tausend Exemplaren nach
Österreich geliefert wird und in Prag auch an den Zeitungsständen erhältlich
ist.
Im Februar 1935
kehren Lotte und Hermes nach Wien zurück. Noch im selben Jahr reisen die beiden
an einen Kongress der Kommunistischen Jugendinternationale nach Moskau. Die
Zeit danach nutzt Lotte für einen Erholungsurlaub auf der Krim und den Besuch
bei ihrem Bruder Jula, der mit seiner Frau Mitzi in die Sowjetunion
übergesiedelt ist. Er wird im 2. Weltkrieg als Soldat der Roten Armee fallen.
Bei ihrem Bruder
erreicht sie die niederschmetternde Nachricht, dass ihre Eltern verhaftet
worden sind, offensichtlich wegen Lottes konspirativer Aktivitäten. Bernhard
und Eugenie Bindel sitzen über ein Jahr im Gefängnis. Die Mutter, eine
Diabetikerin, liest eine Tuberkulose auf und stirbt kurz nach der Freilassung
im Alter von 51 Jahren. Der Vater wird nach dem Anschluss Österreichs an
Hitlerdeutschland nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert,
wo er ermordet wird.
Weil das Pflaster
in Wien für Lotte zu heiss geworden ist, zieht sie wieder nach Prag. Im
Frühling 1936 organisiert sie eine Konferenz für junge Kommunisten, die während
des Anlasses von Gendarmen verhaftet werden, inklusive Lotte. Argwöhnische
Nachbarn haben sie angezeigt; sie vermuteten ein Treffen von sudetendeutschen
Nazis. Lotte bleibt vier bis fünf Monate im Gefängnis und sinnt verzweifelt
darüber nach, warum sie nicht wie die anderen nach kurzer Zeit frei gelassen
wurde. Als sie den Grund erahnt, kommt "die Bindelova" mit einer
kleinen "Inszenierung" rasch frei. Ein Untersuchungsrichter, des
Deutschen kaum mächtig, hatte sie aufgrund eines Artikels, den man in ihrer
Wohnung fand, als deutsche Kriegshetzerin verdächtigt. Auf seinen Irrtum
hingewiesen, begnügt er sich aber nicht mit einer Freilassung, sondern weist Lotte
aus dem Land aus. Sie darf wählen und entscheidet sich für Polen. Dank
Bestechung gelingt es ihr, an der Grenze freizukommen und zu einem Bruder von
Hermes nach Bratislava zu flüchten. Dort findet sie heraus, dass ihr Geliebter eine
neue Freundin hat. Trotzdem schafft sie es noch nicht, ihn loszulassen.
Im Winter 1936
lernt sie den Zürcher Lehrer Fred Hümbelin, ihren künftigen Ehemann kennen. Er
holt sie im Auftrag der Partei vom Bahnhof ab, als sie für einen Erholungsurlaub
in die Schweiz fährt. Sie schreibt: "Als der Zug im Zürcher Bahnhof einfuhr,
sah ich aus dem Fenster und erblickte sofort einen Mann mit einer Pfeife in der
Hand, aus der er von Zeit zu Zeit bedächtig einen Zug nahm. Diese Ruhe, diese
Bedächtigkeit gefielen mir. Der Mann flösste mir sofort Vertrauen ein."
Bis die beiden
zusammenkommen, dauert es aber noch eine Weile. Vorerst wird Lotte zusammen mit
ihrer Freundin Gerti von der Partei nach Paris geschickt, wo sie
österreichische und tschechische Freiwillige auf dem Weg in den spanischen
Bürgerkrieg betreut. Am Abend schreibt sie Briefe. Die Liebesbriefe richtet sie
nicht mehr nur an Hermes, sondern auch an Fred.
Als Hitlers Armee
im März 1938 in Wien einmarschiert, freudig begrüsst von einer grossen
Menschenmenge, ist Lotte bereits seit einiger Zeit wieder in Wien. Zusammen mit
Hermes schaut sie aus einem Kaffeehaus dem Geschehen auf der Strasse ohnmächtig
zu. Es sind ihre letzten Tage mit Hermann Köhler. Sie sieht ihn danach zwar
noch einmal in Zürich, aber die Beziehung ist definitiv zerbrochen. Hermes stirbt
im 2. Weltkrieg. 1942 erhält er von Moskau den Auftrag, mit der
Untergrundbewegung und der Partei in Österreich in Verbindung zu treten. Als er
in der Nähe von Wien mit einem Fallschirm abspringt, wird er von der Gestapo
gefangen genommen, brutal gefoltert und dann im KZ Buchenwald erschossen.
Österreichs
Anschluss an Hitlerdeutschland löst eine grosse Fluchtwelle aus. Juden und
Jüdinnen, Kommunisten, Sozialisten versuchen sich – vornehmlich in der Schweiz
– in Sicherheit zu bringen. Auch Lotte entschliesst sich, zu Fred in die
Schweiz zu flüchten. Im Mai 1938 ist es so weit.
Doch bis Lotte in
der Schweiz definitiv eine neue Heimat findet, muss sie noch einen Umweg über
England machen und durch ein Hintertürchen wieder zurückkommen. Die Schweiz nämlich
bekundet Null Interesse, ihr Asyl zu gewähren. Auch ihre persönliche Vorsprache
beim Chef der Bundespolizei in Bern fruchtet nichts. Heinrich Rothmund, Herr über
die Einwanderung, ist auf diesem Ohr taub. Immerhin: Mit dem Vollzug der
Ausweisung wartet die Polizei so lange zu, bis Lotte ein Visum für England
organisiert hat. Dort schlägt sie sich ein halbes Jahr lang als Haushalthilfe
und Kindermädchen durch, bis sie am 21. Juli 1939 auf dem Standesamt in London
Fred Hümbelins Frau und somit automatisch Schweizerin wird. Nach einem
unruhigen Leben findet sie endlich Geborgenheit und – laut eigenen Worten –
eine "seelische Heimat".
In der Schweiz
In der Schweiz
schliesst sich Lotte – das ist für sie Ehrensache – der Kommunistischen Partei
an, die 1940 verboten wird und 1944 als Partei der Arbeit wieder aufersteht.
"Die Schweizer Kommunisten kamen mir eher zahm vor", merkt sie später
in einem Interview an. Für jemanden, der die Parteiarbeit unter schwierigsten
und gefährlichsten Umständen kennt, kein Wunder. Weil Lotte und Fred an
geheimen Treffen der verbotenen Partei teilnehmen, erhalten sie gelegentlich
Besuch von der Sicherheitspolizei und sitzen auch mal für ein paar Stunden in
Haft.
1941 bringt Lotte
ihren Sohn Karl, liebevoll "Karli" genannt, zur Welt. Er bleibt,
neben den zwei Stiefkindern Rösli und Robert, ihr einziges Kind.
Von Januar 1944
bis Juli 1947 arbeitet Lotte Hümbelin als Fürsorgerin beim Verband
Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen. Sie amtet dort als Vermittlerin
zwischen Flüchtlingen, Fremdenpolizei und Ämtern. Hin und wieder holt sie kranke
Flüchtlinge aus den Lagern und sucht für sie mit Hilfe des Büros von
Flüchtlingspfarrer Paul Vogt private Unterkünfte. Das Arbeitszeugnis bestätigt
ihr, eine "Fürsorgerin von ausgezeichnetem Format und bester
Sachkenntnis" gewesen zu sein.
Von 1946 bis 1950
sitzt Lotte als PdA-Vertrerin in der Kreiskommission 6 der Armenpflege der
Stadt Zürich, wo sie ihr Interesse für soziale Fragen weiterverfolgen kann. Fred
Hümbelin zieht für dieselbe Amtsperiode in den Gemeinderat ein. Sein Engagement
in der kommunistischen Bewegung hat zur Folge, dass ihn die Lehrerkollegen im
Schulhaus schneiden und er aus dem Lehrerverein ausgeschlossen wird. 1951
versucht ihn die Zentralschulpflege sogar abzuwählen, hat jedoch die Rechnung
ohne die Schülerinnen und Schüler samt ihren Eltern gemacht. Die organisieren
eine breite Protestaktion und setzen durch, dass ihr Lehrer bleiben darf.
Anfangs der
50er-Jahre erhält Lotte von der PdA den Auftrag, eine Frauenvereinigung
aufzubauen. Sie findet einige zugriffige Mitstreiterinnen aus verschiedensten
Kreisen und gründet zusammen mit ihnen 1952 die Schweizerische
Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt, kurz SFFF. Die Arbeit in dieser
Gruppe, die für die Erhaltung des Friedens, die Einführung des
Frauenstimmrechts und ein tiefes AHV-Alter für Frauen kämpft, wird fortan der Mittelpunkt
ihres politischen Lebens.
Der
Ungarnaufstand 1956 verstärkt die antikommunistische Hetze der Nachkriegszeit.
Die Mitglieder der PdA werden nach Strich und Faden fertig gemacht, nicht
wenige verlieren ihre Stelle. Auch Lotte und Fred erhalten Tag und Nacht
anonyme Telefonanrufe mit Beschimpfungen. Viele Frauen treten aus der SFFF aus,
was deren Untergang bedeutet. Lottes Fiche aus dieser Zeit verzeichnet, dass
Frau Hümbelin in der Partei eine Auseinandersetzung mit den Fehlentwicklungen
in der Sowjetunion angeregt habe. Die Genossinnen und Genossen gehen nicht
darauf ein. Lotte, der schon in Moskau und angesichts der Begleitumstände von
Stalins Tod gewisse Zweifel gekommen sind, zieht sich aus dem Parteileben zurück.
Aus Solidarität mit den Genossinnen und Genossen, die ihr Leben im Widerstand
und im Konzentrationslager verloren haben, bleibt sie aber weiterhin passives
Mitglied. Und sie beginnt, für den "Vorwärts" Theaterkritiken zu
schreiben, die von den Leserinnen und Lesern sehr geschätzt werden.
Anfangs der
60er-Jahre beschliesst Lotte, an der Uni Zürich Heilpädagogik zu studieren.
Nach drei Jahren legt sie mit ihren mehr als 50 Jahren die beste
Abschlussprüfung hin. Danach arbeitete sie lange Jahre als Einzeltherapeutin für
die heilpädagogische Beratungsstelle der Universität Zürich.
1967 reist sie
mit Fred zum dritten Mal in die Sowjetunion. 50 Jahre nach der Revolution
trifft sie dort, wie sie schreibt, "eine gedrückte Stimmung, eine völlige
Gleichgültigkeit und einen starken Antisemitismus" an. Ebenfalls in dieser
Zeit kommt ihr Stiefsohn Robert mit seiner Frau beim Absturz einer
Chartermaschine vor Nikosia ums Leben. Fred braucht lange Zeit, um diesen Tod
zu verkraften.
Ende der
70er-Jahre erkrankt Fred an Nierenkrebs. Mehrere Jahre lang ist er bettlägerig
und wird von Lotte und ihrer Haushälterin Alberta Urso zuhause gepflegt. 1986,
er ist 90 Jahre alt, stirbt er. Kurz darauf erkrankt Lottes Sohn Karl an einem
Hirntumor, dem er Jahre später erliegt. Lotte ist über den frühen Tod ihres
Sohnes untröstlich.
Letzten Sonntag
ist sie Karl und Fred gefolgt.
|