Rezension in der Stuttgarter Zeitung vom 11.4.07

"Es beschäftigt einen doch halt irgendwie"

Von Karen Schnebeck


Eigentlich hat er sich nie sehr für die Geschichten seines Vaters aus Palästina interessiert – bis er seine Mutter auf eine Reise in die besetzten Gebiete begleitete. Dem Eislinger Josef Alkatout ist ein Buch gelungen, das mehr ist als ein Stück Familiengeschichte.

Der ganz normale Typ von nebenan war Josef­ Alkatout noch nie. Der unkomplizierte 22-Jäh­rige macht gerne kritische Bemerkungen und lacht dann - auch über sich selbst. "Eigent­lich bin ich der Dümmste in meiner Familie", sagt er. Alle drei Brüder hätten "etwas Ver­nünftiges" studiert, Jura zum Beispiel. Die Schwester studiert wie der Vater Apotheker. Alkatout lebt seit einiger Zeit in Genf und studiert internationale Beziehungen. "Das ist so ein typisches Studium. von dem kein Mensch weiss, was er danach damit anfängt. Aber mich hat es halt interessiert", sagt er. "Vielleicht arbeite ich dann ja als Journalist."


Als er noch in Eislingen zur Schule ging, hat Alkatout nebenher Theater gespielt und in der Literatur-AG der Schule Gedichte geschrieben. Einige davon sind in Zeitschriften erschienen. Für die Familiengeschichte sei­nes Vaters hat er sich wie die meisten Jugendlichen nicht interessiert. "Warum auch?", meint er. "Ab und zu hat mein Vater Geschichten von früher erzählt. Wie sie in Palästina gelebt haben, wie sie von den Israeli vertrieben wurden. Aber für uns war das so weit weg."


Dann, zum Jahreswechsel 2000, hat Alkatout seine Mutter auf eine Reise nach Palästina begleitet. Der Vater durfte nicht mit in die alte Heimat. Die vertriebenen Palästinener haben bis heute kein Recht, das Land zu betreten. "Wegen unseres Nachnamens sind wir stundenlang am Flughafen festgehalten worden, aber am Schluss durften meine Mutter und ich dann doch einreisen", erzählt er. In Ramla, dem Dorf, aus dem sein Vater als Kind mit seinen Eltern fliehen musste, wurde für Alkatout die Geschichte lebedig, die sein Vater zuvor in Eislingen am Küchentisch erzählt hatte.


"In Eislingen hört man nachts vielleicht mal eine Kuh muhen oder ein Auto fahren, aber in den besetzten Gebieten, da explodiert und schiesst dauernd irgendetwas. Ständig gab es Bombendrohungen und Schüsse. Das war schon sehr angsteinflössend", sagt Alkatout. In Ramla traf der Student einen alten Mann, der sich noch an die Familie seines Vaters erinnerte und ihm zeigte, wo früher das Haus und die Bäckerei der Alkatouts standen. "Der Bruder meines Vaters war blond, das ist dort natürlich sehr selten, deshalb erinnerte er sich", sagt Alkatout. Dieser Onkel verschwand auf der Flucht vor den israelischen Soldaten in die Wüste.

Besonders schockiert haben den Eislinger die Umstände, unter denen auch heute noch viele Palästinenser in Flüchtlingslagern leben. "Die hausen in der dritten Generation in Plastikgebilden in der Wüste ohne Kanalisation. Es stinkt und ist alles sehr ekelhaft, und die können dort einfach nicht weg." Alkatouts Familie hatte es besser. Seine Grossmutter trug das ganze Vermögen der Familie als Goldschmuck versteckt am Körper. Damit konnte die Familie die Flucht nach Syrien finanzieren und sich dort ein neues Leben aufbauen. Sein Vater und dessen Geschwister studierten in Europa. Der Vater ging nach Deutschland, wurde Apotheker, heiratete eine Deutsche und blieb. "Der ist heute deutscher als deutsch", sagt Alkatout. "Er kennt sich in der Literatur und in der Politik aus, macht Urlaub in Bayern und ist stolz darauf, in einem Rechtsstaat zu leben."


Nach der Rückkehr aus Palästina hat Alkatout sich eingehender mit der Vertreibung seiner Vorfahren und der Familiengeschichte seines Vaters beschäftigt. Noch während der Schulzeit hat er einen Roman geschrieben, der die Vertreibung aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählt. Dem Eislinger ist das Kunststück gelungen, ein trauriges Stück Zeitgeschichte spannend zu erzählen – ohne Hass und ohne erhobenen Zeigefinger. "Samla" ist 2006 im Schweizer Verlag Edition 8 erschienen und wird mittlerweile in der vierten Auflage vertrieben.