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Tagesanzeiger vom 1.11.05 NOAM CHOMSKY, SPRACHWISSENSCHAFTLER UND GESELLSCHAFTSKRITIKER Unbeirrbar kritisch Von Stefan Howald Dies also ist der öffentliche Intellektuelle Nummer eins: der amerikanische Sprachwissenschaftler und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky. Er geht als überwältigender Sieger aus einer gemeinsamen Umfrage hervor, die die renommierten liberalen Zeitschriften «Prospect» aus England und «Foreign Policy» aus den USA durchgeführt haben. 20 000 Leserinnen und Leser nahmen teil, Chomsky erreichte 4800 Stimmen, doppelt so viele wie der zweitplatzierte Umberto Eco; auf den nächsten Plätzen landeten der Biologe Richard Dawkins sowie der Schriftsteller und Ex-Staatspräsident Vaclav Havel. Die Londoner «Sunday Times» hat sich bereits lustig gemacht über die Wahl des Wie-heisst-er-doch-gleich-wieder? Chomskys Name mag nicht den geläufigen Klang anderer Medienfiguren haben. Doch ist er auf mindestens zwei Gebieten öffentlich wirksam geworden. Da war zuerst der revolutionäre Sprachwissenschaftler, dem bald Chomsky der Gesellschaftskritiker folgte. Als solcher hat er bis heute seinen Ruf bewahrt, und seine jüngsten Bücher sind in der globalisierungskritischen Bewegung zu Bestsellern geworden. 1928 in Philadelphia geboren, veröffentlichte Chomsky seine bahnbrechenden linguistischen Arbeiten Ende der 1950er- und in den 1960er-Jahren: den Entwurf einer Transformationsgrammatik, wonach die Oberflächenstruktur einer jeden Sprache auf zu Grunde liegende Tiefenstrukturen zurückgeführt werden könne. Das versprach einen neuen Ansatz beim Sprachen erlernen. Zugleich steckte dahinter eine philosophische Haltung über die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, eine allen Menschen gemeinsame angeborene Sprachfähigkeit und eine Universalgrammatik. Zwar hat Chomsky seither weiter an einem so genannten Minimalprogramm universaler Sprachstrukturen gearbeitet; aber diese hoch formalisierten Forschungen werden nur noch in Spezialistenkreisen diskutiert und sind umstritten. Schon Ende der 1960er-Jahre hatte er sich als Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology vehement gegen den US-Einsatz im Vietnamkrieg engagiert. Das Buch «Amerika und die neuen Mandarine» (1969) warf die grundsätzliche Frage nach der Verantwortung der Intellektuellen auf. Seither hat die Schärfe von Chomskys Gesellschaftskritik nicht abgenommen. In Hunderten von Artikeln und Vorträgen sowie beinahe zwei Dutzend Büchern hat er sich gegen die westliche, insbesondere die US-amerikanische Aussenpolitik und den globalisierten Kapitalismus gewandt. Jahrelang machte er als eine einsame öffentliche Stimme auf den Skandal des indonesischen Völkermords auf Osttimor aufmerksam; zudem wandte sich der einst in einer Kibbuz-Bewegung aktive Chomsky immer wieder gegen die israelische Besatzungspolitik. Im letzten Jahrzehnt hat er nicht nur die Irak-Feldzüge kritisiert, sondern auch gegen den «humanitären Interventionismus» im ehemaligen Jugoslawien Stellung bezogen, der eine jeweils explosive Situation weiter verschlechtert habe. Dabei spürte Chomsky von Beginn an nach ökonomischen Interessen und machtpolitischen Motiven. So vertrat er nach dem Abzug der Amerikaner aus Vietnam die These, letztlich hätten die USA den Vietnamkrieg nicht verloren, sondern dank ihrer zerstörerischen Kriegsmaschinerie eine autonome Entwicklung in Südostasien verhindert und die Region als westliche Einflusssphäre gesichert. In einer libertär-anarchistischen Tradition verankert, war der scharfe US-Kritiker Chomsky dabei nie durch eine Nähe zu kommunistischer Realpolitik befleckt. Dafür warfen und werfen ihm Kritiker immer wieder dogmatische, schreckliche Vereinfachungen vor. Aber seine Aussagen sind jederzeit belegt. Umfassend arbeitet er Materialien und Informationen, unternehmerische Strategien, sicherheitspolitische Konzepte und Politikerreden auf. Mittlerweile 77 Jahre alt, ist Chomsky aktiv wie eh. Eine beinahe asketische Gestalt, engagiert er sich unermüdlich, von einem breiten Netzwerk aus Freunden, Kollegen und sozialen Bewegungen unterstützt. Die Insistenz und Selbstsicherheit, mit der er seine Positionen vertritt, mag zuweilen als Rechthaberei wirken, aber seine Integrität steht ausser Frage. Die Wahl zum öffentlichen Intellektuellen Nummer eins gilt deshalb sicher auch dem Beispiel eines niemals nachlassenden oder gewendeten Engagements. Das Zeitalter des Intellektuellen mag vorbei sein; auf einzelne Persönlichkeiten als Wortführer kann immer noch nicht verzichtet werden.
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