Rede von Verena Stettler an der Vernissage vom 1. Juni 2006

Liebe Anwesende

Am besten sag ich's gleich: Etwas Abschliessendes, Zusammenfassendes, Gesichertes, was man dann getrost nach Hause tragen kann, werden Sie von mir zum "Salto wortale" von Brigitte Fuchs nicht zu hören bekommen, meine Aufgabe hier ist zum Glück etwas Eröffnendes zu sagen, etwas Anregendes, vielleicht gar Verführerisches - und dies entspricht dem Charakter des Werkes viel eher. Mit ihren sprachlichen Kapriolen lockt Brigitte Fuchs uns nämlich hinaus aufs weite Feld eines sprachlichen Tummelplatzes mit Spiegelgärten, Labyrinthen, Zauberkünstlern, Karussells, Geisterbahnen, Trampolins, schiefen Ebenen, trickreichen Hindernisbahnen und vielen Fahrten ins Bodenlose, alles versüsst mit Zuckermandeln und andern Bonbons. Kurz: nichts Festes, kaum Reelles, vieles, was Halt verspricht und dann nicht hält, der Schwindel und Kitzel, das anschliessende Gelächter sind das eigentliche Ziel.

Wie kommt denn eine Lyrikerin, deren Werke bisher bestimmt nicht unter U-Literatur eingereiht wurden, dazu, sich über Monate, sogar Jahre mit so was Leichtfertigem wie Sprachspielereien zu befassen? Die Antwort ist einfach: Weil es zu ihrem Metier gehört, weil der Unernst eine Grundbedingung der Sprache ist. Weil der Unterschied zwischen ihrer Lyrik und ihren Sprachspielereien nicht fundamental, sondern nur eine Frage der Gewichtung, der Stimmung und der Ausrichtung ist.

Hören wir sie, um dies zu verdeutlichen, im E-Ton (Aus: Solange ihr Knie wippt):

"das Wort / auf der Zunge legt sich der Länge nach / wie ich es bette da ist ein Leben beinah / zur Hand da ist ein Lied fast schon / gesungen (denkst du) ach was da ist ein / Wort nichts als ein Wort und ein Gedicht / fast schon eine Notlüge meingott"

Wohl seit es Sprache und Dichtung gibt, gibt es auch diese Zwiespältigkeit dem Wort gegenüber. Das Wort, das einerseits magisch empfunden wird, das Welten oder biblisch gesehen sogar DIE WELT erschafft - man denke an den berühmten Anfang des Johannes-Evangeliums: "Im Anfang war das Wort" -, und andererseits das Wort, das eben gerade nicht die Realität ist, das bestenfalls die Wirklichkeit spiegeln kann, schlimmstenfalls aber nur leeres Gerede oder gar Lüge bedeutet,

Wissenschaftlich, linguistisch gesehen kommt diese Doppelbödigkeit der Sprache daher, dass sie ein System ist, das auf etwas anderes verweist, und dass die Beziehung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung willkürlich festgelegt und weder zweifelsfrei noch umfassend ist. Man denke nur an die Heerscharen von Juristen, die davon leben, feste Pflöcke in dieses sumpfige Terrain einzuschlagen und unmissverständliche Formulierungen zu finden respektive diese an ihre Interessen anzupassen und umzubiegen. Man denke an die Vielfalt von Missverständnissen, Lügen, Verdrehungen und Verleumdungen, die uns das Leben schwer machen. Die Sprache lässt uns oft hängen: Sie ist gemessen an ihrem Stellenwert im sozialen Leben eine sehr unzuverlässige Partnerin, bietet keine Garantien und wäre eigentlich wenig kreditwürdig.

Je nach Temperament gibt es darauf verschiedene Reaktionen: Man kann philosophische Werke schreiben, man kann wortreich beklagen, dass Worte fehlen, um das Gemeinte auszudrücken - es gibt ja in der Literatur einen Unsagbarkeitstopos - , man kann wie gesagt JuristIn werden oder man kann die Ungewissheit kreativ nutzen. Brigitte Fuchs hat - das versteht sich von selbst - das Letzte gewählt.

Weil ja die Sprache grundsätzlich immer im Fluss ist und über Bilder und übertragene Bedeutungen neues Terrain erschliesst, dafür anderes aufgibt und es nur noch spurenweise, gleichsam an Fossilien, erkennen lässt, weil ja Worte nicht einfach eins zu eins zu verstehen sind, genau dadurch gewinnen sie einen Reichtum, eine Vielfalt an Sinn, an Möglichkeiten zur Vernetzung, die einer Sprachartistin wie Brigitte Fuchs eine reiche Palette für ihre Kunst bieten. Wenn sie wie im Gedichtband "Solange ihr Knie wippt" im E-Ton in ihrer Lyrik die Brüchigkeit der Sprache bewusst macht und gewandt und subtil über die Bedeutungen surft, lässt sie ein irritierendes Gefühl der Bodenlosigkeit, eines Schwebezustands nicht ohne Zauber entstehen. Im "Salto wortale" hingegen geht sie offen mit Ironie ans Werk, bricht Wörter und Wendungen auf, lässt sie funkeln und verschafft uns das Vergnügen eines witzigen, abwechslungsreichen Feuerwerks voller Überraschungen und Nonsens.

Was macht sie eigentlich genau? Schauen wir einmal in ihre Trickkiste. Grundsätzlich spielt sie damit, dass eben der materielle Teil der Sprache, die Laute, die wir produzieren, der Wortkörper sich von der Wortbedeutung ablösen lässt. Nun kann sie diese Lautfolge unter die Lupe nehmen und z. B. andere Wörter drin entdecken, die ihren Schatten auf den ersten Begriff werfen: Im renommierten "Autor" ist taucht so plötzlich der einfache "Tor" auf. Au-Tor. Oder zwei Lautfolgen werden kombiniert und ergänzen sich zu einem neuen Wort mit schillernder Bedeutung: Was für ein Zustand ist die "Bundesratlosigkeit"? Fehlt ein Magistrat oder ist bundesweit guter Rat teuer? Oder ist es gar typisch für Bundesräte wie der Ochs am Berg zu stehen? Die Antwort bleibt Ihnen überlassen.

Klassische Formen des Spiels mit den Lauten gehören selbstverständlich auch dazu: Da werden ganze Sätze als Palindrome dem Gesetz der Symmetrie unterworfen oder die Buchstaben einer Wendung durchgeschüttelt und neu kombiniert in zahllosen Anagrammen. Raten Sie, wie viele Varianten Brigitte Fuchs zu so einem einfachen Wort wie "Schreibende" findet. Mindestens 17: von "Erdscheibe" bis "ich der Besen" .

Auch im optischen Bereich zieht sie alle Register : Den materiellen Teil des Textes, den wir als Lesende wahrnehmen, das Schriftbild nimmt sie - ganz in der Tradition des Dadaismus und der konkreten Poesie - als eigenständig zur Kenntnis: Sie lässt die Textgestalt für sich selber sprechen und imitierend oder karikierend ein eigenes Element zum Inhalt beitragen. Anstatt nun die Typographie als blosses Vehikel für geistige Vorstellungen zu benutzen, bleiben wir an ihrer Figur auf dem Papier hängen und machen uns Gedanken über Kongruenz oder Inkongruenz, kommen so vielleicht zu völlig anderen Aussagen. Besonders virtuos nutzt die Autorin diese Reibungsfläche in den Farbrätseln, wo einmal nicht die Wörter auf die Realität verweisen, sondern umgekehrt die realen Farben auf deren sprachliche Fassung. Was ergibt ein rosa Quadrat kombiniert mit dem seltsamen Wort P-ISCH? Richtig: PROSAISCH.

Und damit nicht genug: Zusätzliches Gewicht erhält das Optische durch den Beitrag eines andern Artisten, des Grafikers Beat Hofer, der genau den umgekehrten Weg geht: In Collagentechnik fügt er Textelemente in seine Bilder ein, die eine eigentümliche Spannung ergeben. Da ist der Kontrast zwischen den oft wuchtigen, soliden Lettern und den dynamischen Pinselstrichen des Gemalten, da steht Feineres, von Hand Geschriebenes mittendrin, das auf etwas anderes, nicht Sichtbares verweist: Wörter wie "sowie" , "z.B. heute", - ohne Erklärung, ohne Hinweis, was denn genau gemeint ist; da hat das Gemalte selber die Qualität einer optischen Täuschung, eines Vexierbildes, das man ganz verschieden lesen kann, wo man zwischen Oberfläche und Tiefe hin- und hergerissen ist, wo ein Klecks je nach Blickwinkel ein Klecks oder aber auch eine Figur sein kann. Beat Hofers Bilder eröffnen einen geheimnisvollen Raum der Deutungen, irrlichternde Sinnverschiebungen, welche auf ihre Art den Texten von Brigitte Fuchs Antwort geben und sie um eine Dimension bereichern.

Das Repertoire der Schriftstellerin im spielerischen Bereich ist aber mit Variationen zum Wort und seiner Bedeutung noch lange nicht erschöpft: Im Inhaltsverzeichnis sehen Sie, dass die verschiedenen Typen von Sprachkapriolen nicht weniger als 32 Begriffe umfassen: Das geht von Anagrammen über Collagen, Parabeln, Rundsprüche, Schnellsprechsätze bis zu Zaubersprüchen und Zitaten.

Ein letztes Wort zu den Zitaten. Zitate sind an und für sich schon Spielbälle der Sprache, da man sie aus ihrem Kontext, ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund herausgenommen hat und neu kombiniert. Dieser Kontext spielt natürlich beim Verständnis mit und hat seinen eigenen Stellenwert. Wenn wir z.B. ein Schillerzitat verwenden, verbinden wir das sicher mit Klassik, einer gehobenen Sprache, einer traditionellen Handhabung des Versmasses und nebenbei ordnen wir uns sowohl beim Zitieren als auch beim Wiedererkennen den gebildeten Kreisen zu. Wenn das nicht zum Verballhornen reizt! Seit eh und je schreit der heilige Ernst, der feierliche Rahmen eines Kulturkanons geradezu nach der Auflockerung durch Persiflage und witzige Brechung. Brigitte Fuchs macht da keine Ausnahme. Wie sie aber ihren Schiller und Novalis umformt, ist ein Vergnügen für sich.

Und das soll das Stichwort sein: Genug der langen Erklärungen und ernsthaften Interpretationen. In allererster Linie geht es hier ums Vergnügen, um die Lust an der Sprache und ihrem unerschöpflichen Reichtum. Treten Sie also auf das Spiel ein, ergötzen Sie sich an den sprachlichen Kapriolen und lassen Sie sich die Sprachbonbons für Schleckmäuler schmecken.