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"Va' pensiero": Rezension in "Schweizer Monatshefte, November 2007
Betrachtungen eines Gastarbeiters
Mit "Va' Pensiero.
Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien" legt Sergio Giovannelli ein
Dokument vor, das über seinen Wert als autobiographische Studie hinaus repräsentativ
wird für eine nunmehr bereits historisierte Phase der neueren Wirtschafts- und
Sozialgeschichte der Schweiz. Es handelt sich um jene von der Hochkonjunktur
geprägte Phase der Migration in der Mitte des letzten Jahrhunderts, bei welcher
Italiener - teils als Saisonniers, teils als Daueraufenthalter - das
Erscheinungsbild des Ausländers in der Schweiz mehr als alle anderen Zuzüger
prägten.
"Und die
Italiener fuhren zu Tausenden ab, gesellten sich im Ausland zu jenen Millionen,
die schon vor ihnen gegangen waren; nach Übersee, Nord- und Südamerika,
Australien und eben: Nordeuropa. Möglicherweise gab es geheime Abkommen
der italienischen Regierung mit den ausländischen Arbeitgebervereinigungen,
mit dem Ziel, den sozialen und politischen Druck im Innern abzuschwächen und
aus stark politisierten Arbeitern, wie sie beispielsweise aus dem Raum Genua
und der Emilia-Romagna kamen, eine willige anonyme Masse zu bilden, mit wenig
Rechten und einer Unmenge Pflichten, manövrierbar je nach Hochkonjunktur oder Rezession."
Ob diese Darstellung
für die damalige Einwanderungswelle vollumfänglich zutrifft, darf im Detail
bezweifelt werden. An der Wahrhaftigkeit des Verfassers gibt es indes keinen
Zweifel. Für ihn und seinesgleichen trifft der Hinweis auf die starke
Politisierung der Gastarbeiter ohne Zweifel zu. Giovannelli war in der linken
Colonia Libera Italiana organisiert, die sich ursprünglich scharf von der
antikommunistischen Konkurrenz der Christlichen Arbeitnehmervereinigung ACLI
abhob. Erst zur Zeit der Überfremdungsinitiativen kamen die Organisationen
einander näher, so wie überhaupt der politisierende Arbeiter Giovannelli bei
kirchlichen Organisationen, etwa der katholischen Paulus-Akademie in Zürich,
nach eigenem Zeugnis stets eine aufgeschlossene Aufnahme fand.
Sergio Giovannelli
war - als engagierter linker Gewerkschafter, Funktionär und Publizist im
Umfeld der organisierten lnteressenvertrerung - im Vergleich zur grossen
Mehrheit der italienischen Einwanderer wohl ein überdurchschnittlich politisierter
Gastarbeiter. Trotzdem und vielleicht sogar deswegen ist seine Autobiographie
als zeitgeschichtliches Zeugnis in höchstem Grade aussagekräftig. Wie es
Sergio Giovannelli gelingt, etwa am Beispiel seines Stiefvaters und seiner
Mutter, das Milieu der norditalienischen Arbeiterschaft um La Spezia
einzufangen, erinnert in der Anschaulichkeit der atmosphärisch starken
Schilderung dann und wann an Filme von Vittorio de Sica und Luchino Visconti.
Das eigene, von seelischen wie auch physischen Verwundungen geprägte Schicksal
erfährt - jenseits yon Selbstmitleid - eine erschütternde Glaubwürdigkeit. Dann
und wann ist auch eine gesunde Portion Selbstironie mit im Spiel, besonders
wenn es um das fragile Verhältnis zum anderen Geschlecht geht.
Zeitgeschichtlich
wertvoll und erzählerisch vergnüglich sind die mit "II pane degli altri"
überschriebenen Kapitel über die verschiedenen Arbeitsstellen zu lesen,
einschliesslich des starken Motivs "Bahnhof", der Charakterisierung
patriarchaler Arbeitgeber und matriarchaler Zimmervermieterinnen, der biederen
dörflichen Behördenautorität, der Bemühungen um die deutsche Sprache und des
Zerrissenseins zwischen alter und neuer Heimat. Die lebensvollen Stellenporträts als
Faktotum im Bären in Gerzensee, als Portier- und Badegehilfe im Bad Lostorf
bei Olten, als Buffet- und Küchengehilfe in einem Basler Café, als Monteus
in Bern und schliesslich als Mechanikes bei Wyss in Aarau sind realitätspralle
Schilderungen nicht nur sozialer, sondern auch menschlicher Verhältnisse.
Dass sich der
Verfasser "Sergio Giovannelli-Blocher" nennt, ist als Hommage an
seine Frau Judith gemeint, die ehemalige Sozialarbeiterin und heutige
Schriftstellerin. Der politische Leser liest es jedoch anders: "Ich bin der Schwager von Christoph Blocher,
habe mich aber in keiner Weise von ihm vereinnahmen lassen." Wie
auch immer: die Memoiren von Sergio Giovannelli sind denkwürdig genug, um als
literarisch ansprechendes und menschlich glaubwürdiges Zeitdokument auch ohne
den Namen des letztverbliebenen Feindbildes der schweizerischen Linken bestehen
zu können.
vorgestellt von Pirmin Meier, Beromünster
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