Rezension in "Die Märkische" vom 19./20.8.06 

Poesie des Untergangs

Tomas Gonzalez bleibt trotz Resignation dem Dasein zugewandt

VINCENT FROMMEL

"Ihr Gepack reiste oben, auf dem Dach des Busses. Elena und J. fuhren ans Meer." Was eingangs des Romans wie der Aufbruch zu einer fröhlichen Ferienreise aussieht, entpuppt sich als eine Fahrt in den Tod. Die Bedrohung klingt schon auf der ersten Seite an: "Nachts stie­gen in menschenleeren Gegenden Gestalten zu, die kein Ge­päck dabei hatten, und stiegen nach zwanzig, dreissig KiIome­tern in einer ebenso menschen­leeren Gegend wieder aus. Sie re­deten nicht; sie trugen ein Busch­messer am Giirtel und einen schmutzigen Hut auf dem Kopf."

Die Reise geht von der kolum­bianischen Millionenstadt Me­dellin an die karibische Küste, wo J. und Elena, ein junges, zivili­sationsmüdes Paar, auf einer ent­legenen Farm ein neues Leben anfangen wollen. Dank der knap­pen, bildreichen, beiwerkfreien Sprache des Autors findet sich der Leser schnell in die fremde tropische Welt hinein. Alles ist heftiger, lauter, heisser, süsser, nasser, auch langsamer und är­mer und brutaler als anderswo.

Aber nicht um Exotik geht es dem Autor, sondem um die minutiöse Beschreibung eines unvermeidlichen Scheiterns. Denn den beiden Aussteigern J. und Elena geht alles schief: Sie vermögen sich im neuen Ambiente, in der Kultur der Schwarzen nicht einzuleben, sie kommen wirtschaftlich nicht auf einen grünen Zweig, und sie leben sich ausei­nander. J. verändert sich: Der Mann, der die Reichen nicht mag, kauft auf Kredit Land dazu, wird zum Latifundienbesitzer; der Mann, der Bäume liebte, be­ginnt auf der Farm im grossen Stil Holz zu schlagen.

Es ist eine traurige, aber keines­wegs deprimierende Geschichte, denn neben dem Tod ist immer das Leben, und neben J.s und Elenas Unvermögen, miteinander auszukommen, ist immer noch ein Rest Liebe. "Eine feuchte, dunkle Sinnlichkeit bemächtigte sich ihrer Körper. Und während der Regen schwer und monoton aufs Dach trommelte, genossen sie einander bis zur Erschöpfung." Wer ihre verzweifelte Wollust nur negativ, als Aus­druck zunehmender Entfrem­dung deutet, wird in den folgen­den Zeilen, als Elena angesichts des düsteren Himmels das Herz schwer wird und sie zu weinen anfängt, eines Besseren belehrt: "Dann überfiel sie ein Gefühl tie­fer Einsamkeit, und sie lief zu­rück ins Schlafzimmer, um an J.s Körper Geborgenheit zu finden."

Ein andermal, als J. und seine Gefährtin sich gezankt hatten und er mit der Schnapsflasche allein am Strand zurückbleibt, sieht er fasziniert, wie Elena sich im Haus auszieht: Das Leiden am Leben und die Lebensfreude liegen bei Gonzalez ganz nah bei­einander.

Hoffnungslos ist J.s und Elenas Geschichte schon, aber es ist eine Hoffnungslosigkeit im Sinne von "Weitermachen ohne Illusionen". Die Grösse dieses Ro­mans liegt darin, dass es dem Au­tor gelingt, Untergang und Poe­sie zu verquicken.