Rezension in "Die Zeit" vom 5.7.2007

Die alte Frau und das Meer

Von Hans Christoph Buch

Hemingway als Pate: Der kolumbianische Erzähler Tomás González besticht mit existenziellem Pathos.

Eine kolumbianische Zeitschrift, die ihm kürzlich eine Sondernummer widmete, hat den Schriftsteller Tomás González als den bestgehüteten Geheimtipp der lateinamerikanischen Literatur bezeichnet. Skeptiker sind leicht eines Besseren zu belehren: Es genügt, das in der Schweizer Edition 8 erschienene Buch Carola Dicksons unendliche Reise irgendwo aufzuschlagen, um sich festzulesen und davon zu überzeugen, dass man es mit einem Erzähler von Weltrang zu tun hat. Dabei passt der aus Medellín stammende Autor, der 16 Jahre im New Yorker Exil zubrachte, bevor er nach Bogotá zurückkehrte und dort zu schreiben begann, ganz und gar nicht zum Klischee des magischen Realismus seines Landsmanns García Márquez: keine mit karibischer Folklore gesättigte, überbordende Sinnlichkeit, keine wohlfeile Mixtur aus Sex und Gewalt, sondern etwas, das es seit den Romanen des Argentiniers Manuel Puig und des Uruguayers Carlos Onetti nicht mehr gab, eine Melancholie, die wie Mehltau Menschen und Dinge überzieht und jeden Ausbruchsversuch, jede Geste der Auflehnung im Vorhinein für gescheitert erklärt – verlorene Liebesmüh, wie es auf Deutsch heißt.

Das Wort Liebe steht hier nicht von ungefähr, denn die drei unter anderem von Peter Stamm und Gert Loschütz kongenial übersetzten Erzählungen, vom Herausgeber des Bandes, Peter Schultze-Kraft, kenntnisreich kommentiert, sind verkappte Liebesgeschichten, genauer gesagt: Liebeserklärungen an Verlierer und Versager, die keine Handlungsmöglichkeiten im Leben finden, Geschichten über die Unmöglichkeit, Auswege aus einem Dilemma zu finden, in das die Protagonisten ohne ihr Zutun hineingestoßen worden sind. Existenzielle Unbehaustheit hätte man früher gesagt, und dieser Begriff ist hier wörtlich zu nehmen, denn der Held der ersten Geschichte ist ein Künstler aus Kolumbien, der sich als obdachloser Alkoholiker durch die Straßen New Yorks treiben lässt und mit Pflastermalen über Wasser hält: »Der eine Polizist, der sich darauf verstand, die Flaschen der Stadtstreicher zu zertrümmern, ohne sie ihnen aus der Tasche zu ziehen, versetzte ihm gezielte Hiebe, dass ihm eine Glasscherbe tief ins Hinterteil drang… Da er schwach war, fiel er in Ohnmacht und spürte die Fußtritte nicht mehr, mit denen sie ihm die Rippen brachen.«

Nicht Borges oder Cortázar sind die Paten dieser Prosa, sondern Camus und Hemingway. Das wird besonders deutlich an der Titelgeschichte, die Die alte Frau und das Meer heißen könnte: Carola Dickson, eine eigensinnige, aber gutartige Lehrerin, wegen ihrer Sturheit vorzeitig pensioniert, kauft sich ein leckes Fischerboot und segelt trotz Sturmwarnung aufs Meer hinaus, wo die von ihrer Tochter alarmierte Küstenwache sie aus akuter Seenot rettet. »Als die Journalisten sie nach dem Zweck ihrer Reise fragten, sagte sie, sie habe den Menschen helfen wollen«, lautet das lakonische Fazit der in ihrer Einfachheit monumentalen Erzählung. »Sie hatte gar nichts sagen wollen, aber sie musste klarstellen, dass es ihr nicht um eine Werbeaktion oder persönlichen Ruhm gegangen war.«

Die Renaissance des Existenzialismus, die sich hier abzeichnet, ist auch in der nordamerikanischen Literatur zu beobachten, von der Tomás González beeinflusst ist – man denke nur an Raymond Carvers Erzählungen. Es geht nicht um Geschichte und Gesellschaft, sondern um durch eigene oder fremde Schuld isolierte Individuen, die sich in ausweglosen Situationen bewähren müssen. Doch anders als im 20. Jahrhundert hat der Protagonist nicht mehr die Wahl zwischen Gut und Böse, sondern muss sich zwischen zwei Übeln entscheiden wie der König vom Honka-Monka, ein aufstrebender Kleinbürger, der seine Familie und sein Geschäft ruiniert, weil er das Tanzen nicht lassen kann. »Der strenge, gut gekleidete Herr, der aufmerksam der Predigt des Pfarrers lauschte, konnte unmöglich derselbe sein, der in einem orangefarbenen Hemd am Steuer eines roten Willys mit goldenen Quasten an den Fenstern durch die Stadt fuhr. Und dann kam eines Tages der Buchhalter, dieser Unglücksrabe, und sagte, es gäbe ein Problem mit der Bilanz.«

Der Held der Erzählung verliert alles, Frau und Kinder, Villa und Landhaus, Limousine und Motorjacht, und lebt mit seiner Tanzpartnerin in einem Slum. Später folgt er ihr nach Florida und verkauft dort Bratpfannen. Bis hierher hätte die Handlung auch in Europa spielen können, aber die Art, wie Tomás González die Heimkehr des reumütigen Vaters zu seiner Familie beschreibt, macht deutlich, dass der Autor – allem Existenzialismus zum Trotz – seine Herkunft nicht verleugnen kann: »William sah in den Höfen der Häuser Schweine und Hühner, in den Vorgärten an Zaunpfähle gebundene Kampfhähne. In der Stadt sah er mit Salz bestreute Mangostücke, Glasbehälter, in denen Ananasscheiben glänzten und Kokosschnitze in Licht und Wasser schwammen.« Ein Hoffnungsschimmer im wahrsten Sinn des Wortes – dass die Geschichte trotzdem nicht gut ausgeht, steht auf einem anderen Blatt.