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Rezension im Bund vom 16.8.05 Erkundungen im Grenzgebiet Bücher von Söhnen über ihre verstorbenen Väter häufen sich, doch jede Erinnerung gestaltet sich anders und neu: so auch jene von Kurt Hasler. Beatrice Eichmann-Leutenegger Nicht die Ähnlichkeit mit dem Toten treibt hier die Niederschrift an. Es ist die Verschiedenheit, welche den Sohn noch immer bewegt. Der eine ist für den anderen ein Exot: fremd der Vater, ein Tatmensch, in seiner Sports- und Karrierebesessenheit, nicht weniger fremd der Sohn mit seiner Sensibilität und Melancholie. So begibt sich dieser zwangsläufig auf ein ungewohntes Terrain, so bald er sich mit den Lebenswünschen und Vorstellungen seines Vaters auseinander setzt. Die Fremdheit zwischen beiden peinigt umso mehr, da sie doch in biologischer Hinsicht so eng wie nur denkbar aufeinander verwiesen sind. Nur ab und zu stellen sich Gemeinsamkeiten ein, etwa die beiderseitige Fabulierlust. Zu Beginn hätte er eigentlich nur einen kurzen Rückblick auf das Leben des toten Vaters schreiben und diesen anlässlich der Bestattung vorlesen wollen. Aber das kleine Schriftstück begann sich wie ein Organismus zu entwickeln, wuchs hierhin und dorthin und geriet schliesslich zu einem monumentalen Monolog, welchen der Sohn an den Vater richtete. Kurt Hasler, 1949 in Frauenfeld geboren, hat über mehrere Jahre hinweg und in Unterbrüchen an diesem Text geschrieben und sich dabei in emotionaler wie in literarischer Hinsicht einem aufwändigen Unternehmen gestellt. Der Arbeitsprozess scheint den Charakter von «Die Entdeckung des Vaters» beeinflusst zu haben: Nicht ein Text aus einem einzigen Guss präsentiert sich hier, sondern einer, der immer wieder Anläufe nimmt, dabei das Thema «Vater» variationsreich einzukreisen versucht. Doch die Spannung zwischen Nähe und Distanz, die dieser Beziehung eingeschrieben ist, ruft fast zwangsläufig nach einem solchen Erzählverfahren. So erwartet die Lesenden auch keine fortlaufende Geschichte. Vielmehr gewinnen die Reflexionen des Autors ein Übergewicht gegenüber den Handlungselementen. Kurt Hasler schreibt in Kürzestabsätzen und verhält sich eher als analysierender und kommentierender Beobachter, weniger als Erzähler. Hier hätte man sich eine bessere Balance zwischen den beiden Schreibhaltungen gewünscht. Doch sei bereits verraten: Das Kapitel «Gewöhnung an den provinziellen Regen» ist ein wahres Kabinettstück. Vor allem aber das Porträt des unbeständigen Vaters, der eine äusserlich schwache Frau zur stillen Partnerin gewählt hat und als Alphatier die Familie nach seinem Bild und Gleichnis in die Zukunft führt, ersteht vielfältig, reich an Nuancen, plastisch und kraftvoll. Gern wählt Kurt Hasler eine leicht ironische Tonlage, die manchmal gar maliziös klingt. Messerscharf fällt das Urteil über den Erzeuger aus, der sich nie wirklich für seinen Sohn interessiert hat: wie dieser war und was er war. «Aus der Ferne gesehen warst du ein guter Vater. Aus der Nähe nicht. Ich hätte mir heute einen anderen gewünscht.» Ein lapidarer Schmerz bleibt haften.
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