Rezension in der WOZ vom 19.9.02

"Carlino": Ein Schotte beim italienischen Widerstand

Gegen Kleinmut und für die Zuversicht

Während die italienische Berlusconi-Clique die Erinnerung an den Partisanenwiderstand beseitigt, erzählt ein Buch ganz spröde und nüchtern eben davon.

Paul L. Walser

Um den italienischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg, die «Resistenza», ist es still geworden. Berlusconi-Italien hat für den Abbau von linken Mythen gesorgt, sogar von solchen, die als resistent und solide gegolten hatten. Seit der Wende von 1989–1991, dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in Osteuropa und der Sowjetunion, ist die italienische Linke auf der Flucht. Sie hat wertvolle Güter preisgegeben, kampflos, aus der trügerischen Hoffnung heraus, sich auf diese Weise umso leichter in der neuen, der postmodernen Epoche ein Plätzchen an der Sonne zu sichern. Die grösste kommunistische Partei des Westens, die zuvor mit Inbrunst ihre Eigenständigkeit und ihren Vorzeigecharakter betont hatte, kapitulierte. Ihren Gegnern, die ihnen allem Eurokommunismus zum Trotz stets Abhängigkeit von Moskau vorgeworfen hatten, kamen die «Comunisti italiani» unverhofft entgegen, indem sie sofort, Hals über Kopf, ihren Parteinamen – PCI – opferten, als handle es sich dabei um einen schädlichen, schändlichen, kompromittierenden Ballast.

Mit ihrem Verhalten hat die italienische Linke nicht nur einen inneren Zerschleissprozess heraufbeschworen, sondern Silvio Berlusconi und seinen Spiessgesellen, den direkten Nachfahren Mussolinis, den Weg zur Macht entscheidend erleichtert. Berlusconis Vizepremier ist Gianfranco Fini, der Chef der aus dem alt- und neofaschistischen Movimento sociale hervorgegangenen Alleanza nazionale. Schon in den achtziger Jahren war in Italien eine Offensive gegen das linke Kulturgut in Gang gekommen. Im Mittelpunkt dieser Bewegung stand die Beseitigung des Mythos von der «Resistenza» im Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, dass Regierungschef Berlusconi da mit allen zur Verfügung stehenden Kräften – und das sind so ziemlich alle Fernsehanstalten des Landes – mitmacht. Er hat ein beklemmend leichtes Spiel. Es entsteht der Eindruck einer Lawine, der sich niemand in den Weg zu stellen scheint. Wirklich nicht?

Das Jahr bei den Partisanen

Bei einer dermassen unheiteren Sachlage ist die Rückbesinnung auf die Idee des Widerstands ungeheuer wichtig – denn nur so kann eine Demokratie, die diesen Namen verdient, überleben. Deshalb kommt der unabhängigen, engagierten und authentischen Information eine vorrangige Bedeutung zu. Zum Glück gibt es immer noch das «Manifesto», das sich nach wie vor «quotidiano comunista» (kommunistische Tageszeitung) nennt, seit seinem Bestehen einen eigenständigen Kurs steuert und nie ein Parteiorgan gewesen ist. Tag für Tag leistet es mit seinem Erscheinen Widerstandsarbeit. Ein weites Feld des Widerstands ist auch die Literatur. Bücher können wertvolle Hilfe leisten beim Versuch, das «andere» Italien nicht vergessen zu lassen, können abgestorbene Zuversicht wieder wecken und dem Kleinmut Einhalt gebieten.

So ein Buch hat der Zürcher Journalist und Publizist Stefan Howald, der seit über zehn Jahren in London lebt, der Vergessenheit entrissen und ins Deutsche übersetzt. Es ist der Bericht eines ehemaligen britischen Nachrichtenoffiziers aus Schottland, Stuart Hood, der im September 1943 aus einem Gefangenenlager bei Parma floh und ein knappes Jahr bei den italienischen Partisanen in der Gegend von Chianti unter dem Decknamen Carlino zubrachte. Eine ganz unpathetisch, ganz einfach und anschaulich erzählte Geschichte, die durch ihre Nüchternheit ergreift. Denn diese Nüchternheit ist nichts anderes als Glaubwürdigkeit. Sie führt uns in eine archaische bäuerliche Welt der Genügsamkeit und Selbstversorgung, die wir heute auf unseren Ferientouren im Umkreis des Monte Amiata vergeblich suchen und die wir vielleicht noch von der legendären Scuola di Barbiana des linken Priesters Don Lorenzo Milani her in Erinnerung haben – ebenfalls sehr ferne Vergangenheit.

«Es gibt Augenblicke im Leben», schreibt Hood, «in denen die äusseren Umstände so genau der inneren Struktur unseres Wesens entsprechen, dass unsere Handlungen eine unheimliche Gewissheit bekommen. Einige sind so glücklich, in diesem Zustand der ‘Entsprechung’ geboren zu werden. Sie schwimmen wie Fische im Wasser. Andere erleben diese Leichtigkeit der Existenz nur gelegentlich, unter bestimmten Umständen und für eine kurze Zeit. Vielleicht gab diese Verbindung den Monaten, die ich in Chianti verbrachte, ihre spezielle Qualität an Glück, die sich über die Furcht und die Notwendigkeit zum Töten hinwegsetzte.»

Urlaub vom Leben

Hoods Darstellung gibt uns ausgezeichnete Auskunft über das Durcheinander des Partisanenkriegs, die chaotischen Zustände zwischen den Fronten, das lange Warten auf die Alliierten, die nie kamen, das Auftauchen der Deutschen, die Konflikte innerhalb der heterogenen Widerstandsgruppen, den Streit mit KP-Funktionären. Das Gefecht von Valibona, das später als erste «Schlacht» der Partisanen gegen die faschistischen Milizen gefeiert wurde, schildert Stuart Hood als ein stümperhaftes Unterfangen, das er nur mit Glück überlebte. Auf der Flucht warf er sein Gewehr weg. Wenn es Heldinnen und Helden gab, so waren das die eingesessenen «Bäuerinnen und Bauern, die ohne Aussicht auf Gegenleistung alles riskierten, um mir Schutz zu bieten in jener schwierigen, gefahrvollen Zeit». Hoods Sprache ist voll spröder Sinnlichkeit, der knorrigen Natur in der alten Toskana nicht unähnlich. Schelmisch bemerkt er, als Carlino habe er «nicht wie ein Engländer» ausgesehen, aber er stach mit seiner hohen Statur und seinem «schmalen Kopf wie ein Collie» von den Einheimischen ab. Er konnte mehrere Sprachen – Deutsch, Italienisch, Russisch. Das hat ihn, zusammen mit der Gastfreundschaft der Bauern, gerettet: «In Chianti verbrachte ich ein paar der besten Monate meines Lebens.» Und: «Zum Teil nahm ich einfach Urlaub vom Leben – ich entkam dem Krieg, der selber eine Flucht aus der Wirklichkeit ist.»

Für den Übersetzer Howald, dem wir auch ein umsichtig recherchiertes Porträt von George Orwell (erschienen als Rororo-Monografie) verdanken, war dieses Buch eine Entdeckung. Die Lektüre hat ihn gepackt. Darüber gibt er Auskunft im Nachwort, das auf den «Epilog» des nunmehr 87-jährigen Autors folgt. Schön, dass der vorliegende, mit historischen Fotos ansprechend illustrierte Band die Nachwort-Tradition, die einst die DDR-Literatur mitgeprägt hat, wieder aufleben lässt. Dank dem Nachwort wird diese authentische «Geschichte aus dem Widerstand» auch für die Nachgeborenen verständlich, und das ist in den bösen Berlusconi- und Fini-Zeiten unerlässlich. Wir erfahren, dass Stuart Hood in Nordafrika in Gefangenschaft geraten und dann nach Italien verfrachtet worden war, wo er sich zu den toskanischen Partisanen durchschlug. Nach dem Krieg machte er Karriere bei der BBC, wurde später Romanautor, Hochschuldozent und Übersetzer aus dem Deutschen, Italienischen, Russischen. Unter anderem übertrug er Werke von Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger und Dario Fo.

Zu seinem politischen Engagement ist der «unglaublich zurückhaltende» schottische Lehrer, Jahrgang 1915, durch den Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) gekommen. Er hat ihn freilich nur aus der Ferne erlebt. Im Lauf des Zweiten Weltkriegs verabschiedete er sich von der britischen KP, kurze Zeit war er bei der kleinen trotzkistischen WRP, er zog es vor, ein kritischer, heimatloser Linker zu sein, ein eigenständiger, gradliniger Einzelgänger; allein, aber nicht einsam, zu vergleichen mit Weggenossen wie Orwell und Ken Loach. Sehr gerührt hat ihn das Wiedersehen mit den einstigen Kampfgefährten in der Toskana. Seine schottische Nüchternheit machte es ihm zunächst nicht leicht, als Carlino gefeiert zu werden. Angesichts der Gefahr, dass im neumodernen Italien der Widerstand, der den Faschismus besiegt hat, vergessen geht, hat er sich dann aber doch nicht gescheut, die Ehrungen anzunehmen – wie einst das Brot, den Käse, die Zwiebeln und den Wein.