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"Carlino": Ein Schotte
beim italienischen Widerstand Gegen Kleinmut und
für die Zuversicht Während die
italienische Berlusconi-Clique die Erinnerung an den
Partisanenwiderstand beseitigt, erzählt ein Buch ganz
spröde und nüchtern eben davon. Paul L. Walser Um den italienischen
Widerstand im Zweiten Weltkrieg, die «Resistenza»,
ist es still geworden. Berlusconi-Italien hat für den
Abbau von linken Mythen gesorgt, sogar von solchen, die als
resistent und solide gegolten hatten. Seit der Wende von
19891991, dem Zusammenbruch der kommunistischen
Regimes in Osteuropa und der Sowjetunion, ist die
italienische Linke auf der Flucht. Sie hat wertvolle
Güter preisgegeben, kampflos, aus der trügerischen
Hoffnung heraus, sich auf diese Weise umso leichter in der
neuen, der postmodernen Epoche ein Plätzchen an der
Sonne zu sichern. Die grösste kommunistische Partei des
Westens, die zuvor mit Inbrunst ihre Eigenständigkeit
und ihren Vorzeigecharakter betont hatte, kapitulierte.
Ihren Gegnern, die ihnen allem Eurokommunismus zum Trotz
stets Abhängigkeit von Moskau vorgeworfen hatten, kamen
die «Comunisti italiani» unverhofft entgegen,
indem sie sofort, Hals über Kopf, ihren Parteinamen
PCI opferten, als handle es sich dabei um
einen schädlichen, schändlichen,
kompromittierenden Ballast. Mit ihrem Verhalten hat
die italienische Linke nicht nur einen inneren
Zerschleissprozess heraufbeschworen, sondern Silvio
Berlusconi und seinen Spiessgesellen, den direkten
Nachfahren Mussolinis, den Weg zur Macht entscheidend
erleichtert. Berlusconis Vizepremier ist Gianfranco Fini,
der Chef der aus dem alt- und neofaschistischen Movimento
sociale hervorgegangenen Alleanza nazionale. Schon in den
achtziger Jahren war in Italien eine Offensive gegen das
linke Kulturgut in Gang gekommen. Im Mittelpunkt dieser
Bewegung stand die Beseitigung des Mythos von der
«Resistenza» im Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder,
dass Regierungschef Berlusconi da mit allen zur
Verfügung stehenden Kräften und das sind so
ziemlich alle Fernsehanstalten des Landes mitmacht.
Er hat ein beklemmend leichtes Spiel. Es entsteht der
Eindruck einer Lawine, der sich niemand in den Weg zu
stellen scheint. Wirklich nicht? Das Jahr bei den
Partisanen Bei einer dermassen
unheiteren Sachlage ist die Rückbesinnung auf die Idee
des Widerstands ungeheuer wichtig denn nur so kann
eine Demokratie, die diesen Namen verdient, überleben.
Deshalb kommt der unabhängigen, engagierten und
authentischen Information eine vorrangige Bedeutung zu. Zum
Glück gibt es immer noch das «Manifesto», das
sich nach wie vor «quotidiano comunista»
(kommunistische Tageszeitung) nennt, seit seinem Bestehen
einen eigenständigen Kurs steuert und nie ein
Parteiorgan gewesen ist. Tag für Tag leistet es mit
seinem Erscheinen Widerstandsarbeit. Ein weites Feld des
Widerstands ist auch die Literatur. Bücher können
wertvolle Hilfe leisten beim Versuch, das «andere»
Italien nicht vergessen zu lassen, können abgestorbene
Zuversicht wieder wecken und dem Kleinmut Einhalt
gebieten. So ein Buch hat der
Zürcher Journalist und Publizist Stefan Howald, der
seit über zehn Jahren in London lebt, der Vergessenheit
entrissen und ins Deutsche übersetzt. Es ist der
Bericht eines ehemaligen britischen Nachrichtenoffiziers aus
Schottland, Stuart Hood, der im September 1943 aus einem
Gefangenenlager bei Parma floh und ein knappes Jahr bei den
italienischen Partisanen in der Gegend von Chianti unter dem
Decknamen Carlino zubrachte. Eine ganz unpathetisch, ganz
einfach und anschaulich erzählte Geschichte, die durch
ihre Nüchternheit ergreift. Denn diese
Nüchternheit ist nichts anderes als
Glaubwürdigkeit. Sie führt uns in eine archaische
bäuerliche Welt der Genügsamkeit und
Selbstversorgung, die wir heute auf unseren Ferientouren im
Umkreis des Monte Amiata vergeblich suchen und die wir
vielleicht noch von der legendären Scuola di Barbiana
des linken Priesters Don Lorenzo Milani her in Erinnerung
haben ebenfalls sehr ferne Vergangenheit. «Es gibt Augenblicke
im Leben», schreibt Hood, «in denen die
äusseren Umstände so genau der inneren Struktur
unseres Wesens entsprechen, dass unsere Handlungen eine
unheimliche Gewissheit bekommen. Einige sind so
glücklich, in diesem Zustand der
Entsprechung geboren zu werden. Sie schwimmen
wie Fische im Wasser. Andere erleben diese Leichtigkeit der
Existenz nur gelegentlich, unter bestimmten Umständen
und für eine kurze Zeit. Vielleicht gab diese
Verbindung den Monaten, die ich in Chianti verbrachte, ihre
spezielle Qualität an Glück, die sich über
die Furcht und die Notwendigkeit zum Töten
hinwegsetzte.» Urlaub vom Leben Hoods Darstellung gibt uns
ausgezeichnete Auskunft über das Durcheinander des
Partisanenkriegs, die chaotischen Zustände zwischen den
Fronten, das lange Warten auf die Alliierten, die nie kamen,
das Auftauchen der Deutschen, die Konflikte innerhalb der
heterogenen Widerstandsgruppen, den Streit mit
KP-Funktionären. Das Gefecht von Valibona, das
später als erste «Schlacht» der Partisanen
gegen die faschistischen Milizen gefeiert wurde, schildert
Stuart Hood als ein stümperhaftes Unterfangen, das er
nur mit Glück überlebte. Auf der Flucht warf er
sein Gewehr weg. Wenn es Heldinnen und Helden gab, so waren
das die eingesessenen «Bäuerinnen und Bauern, die
ohne Aussicht auf Gegenleistung alles riskierten, um mir
Schutz zu bieten in jener schwierigen, gefahrvollen
Zeit». Hoods Sprache ist voll spröder
Sinnlichkeit, der knorrigen Natur in der alten Toskana nicht
unähnlich. Schelmisch bemerkt er, als Carlino habe er
«nicht wie ein Engländer» ausgesehen, aber er
stach mit seiner hohen Statur und seinem «schmalen Kopf
wie ein Collie» von den Einheimischen ab. Er konnte
mehrere Sprachen Deutsch, Italienisch, Russisch. Das
hat ihn, zusammen mit der Gastfreundschaft der Bauern,
gerettet: «In Chianti verbrachte ich ein paar der
besten Monate meines Lebens.» Und: «Zum Teil nahm
ich einfach Urlaub vom Leben ich entkam dem Krieg,
der selber eine Flucht aus der Wirklichkeit
ist.» Für den
Übersetzer Howald, dem wir auch ein umsichtig
recherchiertes Porträt von George Orwell (erschienen
als Rororo-Monografie) verdanken, war dieses Buch eine
Entdeckung. Die Lektüre hat ihn gepackt. Darüber
gibt er Auskunft im Nachwort, das auf den «Epilog»
des nunmehr 87-jährigen Autors folgt. Schön, dass
der vorliegende, mit historischen Fotos ansprechend
illustrierte Band die Nachwort-Tradition, die einst die
DDR-Literatur mitgeprägt hat, wieder aufleben
lässt. Dank dem Nachwort wird diese authentische
«Geschichte aus dem Widerstand» auch für die
Nachgeborenen verständlich, und das ist in den
bösen Berlusconi- und Fini-Zeiten unerlässlich.
Wir erfahren, dass Stuart Hood in Nordafrika in
Gefangenschaft geraten und dann nach Italien verfrachtet
worden war, wo er sich zu den toskanischen Partisanen
durchschlug. Nach dem Krieg machte er Karriere bei der BBC,
wurde später Romanautor, Hochschuldozent und
Übersetzer aus dem Deutschen, Italienischen,
Russischen. Unter anderem übertrug er Werke von Erich
Fried, Hans Magnus Enzensberger und Dario Fo. Zu seinem politischen
Engagement ist der «unglaublich
zurückhaltende» schottische Lehrer, Jahrgang 1915,
durch den Spanischen Bürgerkrieg (19361939)
gekommen. Er hat ihn freilich nur aus der Ferne erlebt. Im
Lauf des Zweiten Weltkriegs verabschiedete er sich von der
britischen KP, kurze Zeit war er bei der kleinen
trotzkistischen WRP, er zog es vor, ein kritischer,
heimatloser Linker zu sein, ein eigenständiger,
gradliniger Einzelgänger; allein, aber nicht einsam, zu
vergleichen mit Weggenossen wie Orwell und Ken Loach. Sehr
gerührt hat ihn das Wiedersehen mit den einstigen
Kampfgefährten in der Toskana. Seine schottische
Nüchternheit machte es ihm zunächst nicht leicht,
als Carlino gefeiert zu werden. Angesichts der Gefahr, dass
im neumodernen Italien der Widerstand, der den Faschismus
besiegt hat, vergessen geht, hat er sich dann aber doch
nicht gescheut, die Ehrungen anzunehmen wie einst das
Brot, den Käse, die Zwiebeln und den Wein. |
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