Rezension in der NZZ vom 21.9.05

Tau auf den Orangenblüten

Der Kolumbianer Tomás González erzählt «Horacios Geschichte»

Ganz langsam wird gestorben in diesem Roman – so langsam und sanft, als käme das Buch nicht aus Kolumbien. Ort der Handlung: ein Städtchen bei Medellín, ein Haus in Randlage, ruhig und ländlich. Die Zeit: ein paar Monate der Jahre 1960/61; eine Spanne brüchigen Friedens zwischen einem Bürgerkrieg («Violencia») mit 200 000 Toten und der nächsten Schreckensherrschaft von Killertrupps jeder Couleur. Medellín, die spätere Drogenhochburg, gilt noch nicht als «Welthauptstadt» des Verbrechens.

Der Protagonist dieses Buches, Horacio, ist ein nervöser Mittfünfziger mit arglosem Herzen und harmlosen Marotten. Er liebt seine Familie – die beiden lebensklugen Brüder, die Frau, sechs Töchter, den frechen Sohn –, doch vor allem liebt er dreierlei: Antiquitäten (die er bei Bauern und Priestern kauft, um sie, in Kisten verpackt, in der Garage zu verstecken), einen VW-Käfer (schwarz, nach Neuwagen duftend, vermutlich gestohlen) und zwei kleine Kühe. Horacio versorgt die Kühe – Symbole der Fruchtbarkeit, der puren Lebensfreude – mit grosser Zärtlichkeit. Doch er raucht zu viel, wenn er an der Weide steht. Sein weites, aber schwaches Herz wird ihn bald umbringen. Der Autor weiss es, der Leser weiss es, und dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit, die doppelte Gefährdung von Horacios kleiner Welt, lässt ihr Abbild im Buch so glänzen. Da steht das «Autochen», in dessen Scheiben sich die ersten Sonnenstrahlen spiegeln, da funkelt der Tau auf den Orangenblüten, und Horacio denkt, als er geht: «Wie schön das ist, schade, verdammt nochmal.»

Autor Tomás González, 1950 in Medellín geboren, ist bei uns noch ein Unbekannter. Er studierte Philosophie, jobbte als Barkeeper und Velomechaniker, lebte lange als Übersetzer in New York und schrieb bisher vier Romane. In «Horacios Geschichte» (1998 vollendet) sagt eine seiner Figuren: «Wie schwer es doch war, eine Sprache zu finden, in der die Worte so natürlich wirkten wie das Moos auf den Steinen!» González, so scheint es, hat diese Sprache gefunden.

Uwe Stolzmann