Interview im Oltner Tagblatt vom 7. Mai 04

"Schnüffelstaat Schweiz" als Hintergrund

Peter Staub Im Kriminalroman "Hudere-Waser" schöpft der Autor aus seinem politischen Erfahrungsschatz.

Der in Trimbach aufgewachsene Peter Staub präsentiert mit "Hudere-Waser" sein schriftstellerisches Erstlingswerk. In diesem Kriminalroman mit Schauplatz Olten schöpft Staub viel aus seinem politischen Erfahrungsschatz. Als Hintergrund der Geschichte dient die Fichenaffäre Anfang der Neunzigerjahre.

Ruedi Studer

Peter Staub, Sie haben als Taxichauffeur, Hilfsarbeiter, Journalist, Hausmann, GSoA? und Gewerkschaftssekretär gearbeitet. Nun versuchen Sie sich auch als Schriftsteller. Wie kam es zu diesem Schritt?
Peter Staub: Eigentlich habe ich dies einem Taxikollegen zu verdanken. Dieser hat mich bei Alex Capus' Durchbruch als Schriftsteller darauf angesprochen, weshalb ich eigentlich keines schreibe. Ich antwortete, ich schreibe kein Buch, sondern will eine Revolution machen (lacht). Im Februar 2000 allerdings verbrachte ich eine Ferienwoche in Südfrankreich, las dort zwei, drei schlechte Bücher. Nach meiner Rückkehr ging ich mit meinem Sohn Skifahren, nachdem ich zehn Jahre nicht mehr auf den Ski war - und erlitt einen Kreuzbandriss. Drei Monate lang konnte ich - damals war ich professioneller Hauswart - nicht mehr arbeiten. Anstelle nun drei Monate lang schlechte Bücher zu lesen, besann ich mich auf den Vorschlag meines Kollegen und habe während dieser Zeit praktisch täglich mehrere Stunden geschrieben. Am Schluss hatte ich einen 500-seitigen "Schinken", den ich dann mehrmals gründlich überarbeitete, bis ich ihn im Herbst 2003 halb so dick meinem Verlag abliefern konnte.

Beim Fichenskandal kam ich ziemlich
auf die Welt.

Die Fichenaffäre und der "Schnüffelstaat Schweiz" sind der Hintergrund Ihres Kriminalromans. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Staub:
Beim Fichenskandal kam ich ziemlich auf die Welt. Ich habe mich bereits vorher mit politischer Repression befasst und politische Geschichtsbücher gelesen. Ich hatte aber nie den Eindruck, dass dieses Thema auch mit meiner Person etwas zu tun haben könnte. Als der Fichenskandal damals aufflog, bestellte ich meine Fiche. Der erste Eintrag verweist auf meine Mitgliedschaft im GSoA?Initiativkomitee. Dass dies mein erster Eintrag sein sollte, fand ich etwas seltsam, da ich mich schon Jahre zuvor politisch engagiert habe. - Ich war nicht gerade glücklich, wie der Fichenskandal thematisiert, aufgearbeitet und erledigt wurde. Deshalb dient das Thema nun als Rahmenhandlung für meinen Roman.

Kommt Ihr Buch nicht zu spät, ist die Thematik nicht veraltet?
Staub:
Das Thema Überwachung ist bestimmt noch aktuell. Der Fichenskandal als solcher selber ist es zwar nicht mehr - die jüngeren Leute haben keine Ahnung mehr, wovon man da spricht -, aber ich hatte damals weder die Idee noch die Gelegenheit, etwas zu schreiben. Ich brauchte auch einen gewissen Abstand, damit ich nicht einfach meine Erfahrungen mit dem Fichenstaat niederschrieb, sondern dass ich einen grösseren Zusammenhang herstellen konnte. - Neben dem Fichenskandal spielen in meinem Buch auch weitere gesellschaftspolitische Aspekte eine Rolle. Das Buch ist zudem ein Sittengemälde einer typisch schweizerischen, kleinstädtischen Gesellschaft.

Die Hauptfigur Eric Waser ist Taxichauffeur, GSoA-Aktivist und steht politisch klar links. Gewisse Parallelen zu Ihnen sind unverkennbar. Wie viel Autobiographisches steckt denn in Ihrem Buch - oder ist etwa alles erfunden?
Die ganze Geschichte ist erfunden. Autobiographisch ist sie nur insofern, dass ich über etwas schreibe, wovon ich auch etwas verstehe. Es gibt nichts Schlimmeres als Schriftsteller, die über etwas schreiben, wovon sie keine Ahnung haben. Insofern habe ich aus meinem Erfahrungsschatz geschöpft. Die ganze Story und auch die Personen sind von A bis Z erfunden. Ich habe mir Mühe gegeben, dort wo allenfalls Berührungspunkte mit der Realität bzw. zeitgenössischen Personen vorhanden sind, diese soweit zu verfremden, dass man nicht mit dem Finger auf sie zeigen kann.

Waser ist ein halber "Zigeuner". In Ihrem Buch sprechen sie die Problematik der Fahrenden an. Weshalb?
Staub:
Als ich für die "Solothurner AZ" arbeitete, hielten Betroffene der Aktion "Kinder der Landstrasse" in Trimbach eine Pressekonferenz ab. Damals wurde ich zum ersten Mal mit der Problematik der Fahrenden konfrontiert. Und es war das einzige Mal, dass ich als Journalist an einer Veranstaltung Tränen in den Augen hatte. Es war absolut eindrücklich, als gestandene Frauen und Männer erzählten, was mit ihnen in ihrer Kindheit passiert war. Das ist mir damals ziemlich eingefahren.

In Ihrem Buch sagt einer der Protagonisten, "aus einem guten Roman kann man mehr lernen als aus einem Sachbuch". Inwiefern trifft dies auf Ihren Roman zu?
Staub:
Diese Erkenntnis habe ich als Leser gewonnen. Bei Norman Mailers Werk "Das Epos der geheimen Mächte" beispielsweise habe ich mehr darüber erfahren, was in einem Geheimdienst wirklich abgeht als in Sachbüchern über Geheimdienste. ? Ich hoffe natürlich, dass ich mit meinem Buch diesem Anspruch gerecht werde. Darüber müssen die Leserinnen und Leser urteilen. - Ich versuche den Fichenskandal, den ganzen Repressionsapparat auf eine Art und Weise auszuleuchten, wie es für mich in einem Sachbuch nicht möglich gewesen wäre. Ich versuche ein Gemälde zu zeichnen, wie es etwa hätte sein können.

Haben Sie denn selber Erfahrungen mit dem "Repressionsapparat" gemacht? Gibt es einen Schnüffler wie Christian Schwitzer in Ihrem Leben?
Staub:
Einen Schwitzer gibt es bei mir nicht. Zumindest bin ich nie direkt angesprochen worden. Aber nach dem Auffliegen des Fichenskandals sind mir die Schuppen von den Augen gefallen. Während man in der DDR wusste, dass eine Stasi besteht, ist es bei uns gerade umgekehrt: Bei uns haben alle gedacht, bei uns sei so etwas nicht möglich. Im Nachhinein hatte ich bei einigen Personen den Verdacht, dass sie zumindest eine gewisse Affinität zum Repressionsapparat hatten.

Mit dem Buch kann ich meine Ansichten öffentlich machen.

War es für Sie auch eine Motivation, Ihre politischen Ansichten mit dem Buch transportieren zu können?
Staub:
Das ist sicher einer der Hauptgründe. Während Jahren konnte ich nicht mehr publizieren, da ich kein entsprechendes Gefäss gefunden habe, wo meine Beiträge abgedruckt worden wären. Insofern war dies meine einzige Möglichkeit, meine Ansichten öffentlich zu machen.

Sie sind ein politisch "Bewegter", wollen Sie mit Ihrem Buch auch etwas bewegen? Steht der Politikaktivist oder der Schriftsteller im Vordergrund?
Staub:
Der Schriftsteller. Es geht mir nicht darum, auf politischer Ebene direkt etwas zu bewegen. Aber wenn ich bei den Leserinnen und Lesern etwas auslösen kann, damit sie sich Gedanken machen und sich vielleicht sogar engagieren, dann hat das Buch sein Ziel erreicht.

Der Schauplatz ihres Romans ist Olten. Welche Beziehungen haben Sie zu ihrer Heimatregion?
Staub:
Ich habe das Buch in Olten geschrieben, in Biel wohne ich erst seit kurzem. Die Wahl für den Schauplatz ist auf Olten gefallen, weil ich mich auskenne. Die Geschichte als solche hätte überall spielen können. Ich habe aber keinen Grund gesehen, weshalb sie nicht in Olten spielen sollte. Selbst auf die Gefahr hin, dass man mich als Provinzler titulieren wird.

Sie werden als "neuer Oltner Autor" gehandelt. Haben Sie denn schon ein weiteres Buch in Planung?
Staub:
Ich habe tatsächlich ein zweites Buch in Arbeit. Und weitere Bücher wären natürlich schon das Ziel. Aber zuerst will ich mal abwarten, ob ich mit "Hudere-Waser" ein Publikum finde.

Ist Ihr nächstes Buch wieder ein Krimi?
Staub:
Es ist noch mehr ein Krimi als der Erste. Über den Inhalt aber will ich noch nichts sagen. Nur so viel: Im nächsten Buch wird es auch einen Toten geben (lacht).

Der Autor

Peter Staub wurde 1962 in Trimbach geboren, wo er auch aufwuchs. Er arbeitete vor und nach der Matur als Hilfsarbeiter auf dem Bau und in der Industrie. Nach zwei Semestern Geschichte an der Universität Bern arbeitete er unter anderem als Journalist und Redaktor, GSoA? und Gewerkschaftssekretär, Hausmann und Taxichauffeur. Staub ist Vater eines Sohnes und wohnt seit kurzem in Biel. (rus)