![]() |
Rezension im Mannheimer Morgen vom 10. August 2007 Sinn-Suche
Elisabeth Juckers "Die Villa"
Von unserer Mitarbeiterin Helga Köbler-Stählin Früher gabs das nicht. Hierzulande lebte man nach der Christenlehre und das
war Wegzehrung für ein ganzes Leben. Doch die Konkurrenz schläft nicht! In der
Neuzeit tummeln sich Astrologen, Gurus, Heiler, esoterische Lehren und Sekten
auf dem Marktplatz der Möglichkeiten. Teufelszeug sagen die einen,
Unabhängigkeit sagen die anderen. Wenn der Leser Viola, die Heldin in Elisabeth
Juckers neuestem Roman "Die Villa", kennenlernt, ist diese gerade auf
der Suche nach dem eigenen Ich. Der Sinn des Lebens liegt vor ihr wie ein leeres Regal. Dabei arbeitet Viola
als Einrichtungsberaterin in einem exquisiten Möbelhaus und berät fremde
Menschen. Sie schlägt vor, wie diese sich einrichten können. Das macht sie gut,
mit ihrer außergewöhnlichen Sensibilität und visionären Begabung. Doch selbst?
Ihre Wohnung ist nett, doch den Dingen in ihrem Innern kann sie nicht einmal
den richtigen Platz zuweisen. Ein Zeitungsinserat gibt ihr schließlich
Hoffnung. Ein Kurs bei Dr. Schenkel in der "Villa" verspricht persönliche
Reifung. Viola möchte die verheißene unsichtbare Energie des Heilers aufnehmen
und konservieren. Dann - später einmal - will sie raus. Raus aus dem
Möbelladen, raus aus der Wohnung. Sie würde gerne in ein Haus ziehen, in eine
Villa vielleicht, jedenfalls etwas mit Fundament, das schwebt ihr vor. Ein
Garten und Bäume, tief verwurzelt, wären nicht schlecht. Die
"Inneneinrichtung" würde ihr dann schon gelingen, stellt sie sich
vor. Die Schweizer Autorin Elisabeth Jucker erzählt in ihrem dritten Roman von
den Schwächen der Menschen, von ihren Abhängigkeiten und den Wünschen nach
Selbstständigkeit. Das Buch ist, wie von ihr gewohnt, voller Symbolik und
beleuchtet auktorial seelische Vorgänge wie psychische Prozesse. Kommentarlos.
Emotionen weckt Elisabeth Jucker nicht. Dafür fokussiert sie fotografisch
scharf. Juckers Sprache gleicht einem Konzentrat, kein Satz ist zu viel, aber
jedes Wort präzise gewählt. Ein wohlgefügter Roman, der sich trotz
polarisierendem Thema gerne lesen lässt.
|
||