Buchbesprechung in der Aargauer Zeitung vom 1.9.00

Der Abgrund zwischen "ich" und "sie"

Porträt Die Suche nach der eigenen Identität ist das Thema von Elisabeth Juckers erstem Buch

Vier Jahre lang hat Elisabeth Jucker ihre Erzählung "Gestern brennt" immer wieder umgeschrieben. Jetzt ist sie in ihrem ersten Buch herausgekommen.

Petra Mühlhäuser

Von Veronikas Gestern sind nur ein paar Fotos übriggeblieben, seit das Haus abgebrannt ist. Wer ist man noch, wenn man seine Vergangenheit nicht mehr an Dingen festmachen kann? Und wer könnte man sonst sein, wenn man sich nicht daran erinnern will, wer man einst war? Solche Fragen stellt Elisabeth Jucker aus Wettingen in ihrer Erzählung "Gestern brennt", die zusammen mit einer weiteren Geschichte eben in ihrem ersten Buch erschienen ist.

Sie ist ein Wechselspiel zwischen der Ich-Erzählerin einerseits und der Person, die sie vor dem Brand war andererseits die sie als "sie", "Veronika" oder einfach "die Frau" bezeichnet. Erinnerungen an früher, an die Kindheit, an Männer, die nicht in ihr Leben passten, blitzen auf. Nach und nach deutet die Autorin an, was Veronika auf der Seele lastet.

Es entspinnt sich ausserdem ein Wechselspiel zwischen dieser Veronika und Ruth, mit der sie jetzt, traumatisiert vom Brand, in einer psychiatrischen Klinik das Zimmer teilt: Zu wem gehören nun welche Erinnerungssplitter? Welche Geschichte gehört zu welcher der beiden Frauen, die kaum noch ein Privatleben haben und sich abwechselnd quälen und umsorgen? Was von all dem, was Veronika ihrem Arzt erzählt, ist wahr, obwohl sie es gleich widerruft?

Die Geschichte beginnt recht düster, fast hoffnungslos. Doch die Nebel lichten sich mit der Zeit, die Zuversicht nimmt Überhand. "Ich bin erstaunt, dass der Stoff als so schwer empfunden wird", meint die Autorin. Für sie war es eine spielerische, spannende Auseinandersetzung mit der Identität einer Frau, deren Vergangenheit nicht mehr greifbar ist. Die Idee dazu kam ihr bei der Lektüre von Zeitungsberichten über einen Brand.

Elisabeth Jucker ist Mitte vierzig, wurde in Schaffhausen geboren, hat Fotografin gelernt und als Flight Attendant gearbeitet. Als sie mit dem Fliegen aufhörte, sei das ein Bruch gewesen für sie, eine markante Veränderung ihrer Lebensweise. Vielleicht kommt ihr Interesse an der menschlichen Identität aus dieser Zeit. Jedenfalls hat sie damals angefangen zu schreiben. Seither ist einiges zusammen gekommen. Ihre Geschichten hat sie in Sammelbänden und Zeitschriften publiziert, grösstenteils blieben sie aber unveröffentlicht und füllen Ordner bei ihr zu Hause. Zu Beginn schrieb sie Gedichte, auch Texte fürs Theater hat sie verfasst.

Heute verbringt Elisabeth Jucker wenn immer möglich jeden Morgen mit Schreiben, zurzeit an einem neuen Roman. Rund fünfzehn Verlage hatte sie anschreiben müssen, bis sich "Edition 8" bereit erklärte, ihre Erzählungen zu veröffentlichen. Das sei das beste Gefühl gewesen, erklärt sie. Aber auch, das fertige Buch in Händen zu halten, sei gut. Schon einmal hatte sie versucht, einen Roman zu veröffentlichen. Dass es damals nicht klappte, darüber ist sie heute froh, da sie sich unterdessen weiterentwickelt habe.

Wie in "Gestern brennt" stehen stets Menschen im Zentrum von Elisabeth Juckers Geschichten, meistens Frauen. Es ist ihr Innenleben, das sie interessiert. "Wie stellt sich jemand dar, und was steckt dahinter?", fragt sie, die selber zurückhaltend, sensibel und ausgesprochen freundlich wirkt.

Warum sie überhaupt schreibt? "Ich mache einfach nichts anderes lieber", so die Antwort. "Es erfüllt mich mit Befriedigung, wenn am Ende genau das da steht, was ich will." Trotzdem: "Schreiben ist eine einsame Arbeit", erklärt sie. Helfen könne einem niemand, wenn man von moralischer Unterstützung absieht. Um den Austausch mit anderen zu pflegen, engagiert sie sich im Netzwerk schreibender Frauen, einem gesamtschweizerischen Verein.

Vier Jahre lang hat sich Elisabeth Jucker immer wieder mit dem Gedankenspiel um Veronika und ihre Vergangenheit befasst, die Geschichte immer wieder umgeschrieben, an der Sprache gefeilt. Die ist denn auch sehr dicht, bildhaft, stark, zum Lesen ein Genuss; die Geschichte selber originell - nicht eine, die wir anderswo auch schon gelesen haben.

Buchvernissage Sonntag, 3. September, 11.15 Uhr, Sommerrefektorium des Klosters Wettingen. Lesungen ausserdem anlässlich der Ausstellung "Innenraum, Aussenraum, Kunstraum" in Aarau vom 10. bis 30. September. Elisabeth Jucker, "Gestern brennt", zwei Erzählungen aus der Edition 8.