Rezension im St. Galler Tagblatt vom 15.10.2004

Liebeslyrik, ziemlich prosaisch

Dragica Rajcic stellt ihren neuen Gedichtband «Buch von Glück» vor

Seit 1978 lebt die Kroatin Dragica Rajcic in St. Gallen. Die Erfahrungen des Fremdseins sind ihren Texten eingeschrieben - auch wenn ihr neuer Gedichtband «Buch von Glück» eigentlich von der Liebe erzählt.

Eva Bachmann

«Meine Mutter hat mir gesagt das sie keine liebe kennt und falls es solche gäbe wäre sie reine Einbildung untätiger Frauen. Zitat Ende.» Diese Worte stellt Dragica Rajcic ihrem Band voran. Ziemlich prosaisch als Einstimmung in einen Band mit Liebeslyrik. Aber auch die poetischen Worte von Paul Celan stehen da: «Es wird ein Gehn sein, ein Grosses, weit über die Grenzen, die sie uns ziehen.»

Damit hat die Dichterin ein Zelt aufgeschlagen, in dem sie über das flüchtige Glück der Liebe und seine Kraft, Grenzen zu sprengen, nachdenkt. Sesshaft ist sie selber nicht, so wenig wie die Liebe. «Iss mich trink mich frag mich sag nichts schau über komm naeher ... verglückt so umglückt kann doch nicht essen mir nihts dir nihts von jetztan was mit alledem was noch nie berührt war so». Zwei in einem Restaurant: eine Szene, heraufbeschworen in wenigen Worten - dazu die Schmetterlinge im Bauch. Das Glück, wenn es denn da ist, strahlt in den Gedichten golden: «In der Nacht des Tages hat es gegoldet / Zwischen den Augen /HellLichter».

Antiherzschmerz

Meistens aber fremdelt das Glück: Es will uns nicht kennen. Und «reparaturen der gebrochenes herzens sind an überfluss an ersatzstücken unausführbar.» Der Verlust der Liebe zeigt sich in schmerzlichen Bildern: im Ablegen einer Haut, im Krieg, in Versteinerung und Zertrümmerung, im Abnagen des Fleischs vom Knochen. Ist es vielleicht besser, sich gar nicht zu verlieben? Der Vorsatz der starken, ernüchterten Frau zielt ins Leere: «Ich schnizelte da gegen Gedichte in der badewannen schwammen davon» - nützt alles nichts: «Die diagnose mittlere bis schwere Liebesvergiftung». Selbst im Schmerz nach dem Absturz behält Dragica Rajcic den trockenen Humor: «Wahnfrauen in büchern / Stecken ihr kopf in backoffen /... Die lebende frauen / Operieren ihre Nasen / Riechen dämonen und lächeln.» Diese entwaffnende Direktheit einer Frau, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht, gibt den Gedichten ihre eigene Tonart - den Herzschmerz überlässt sie lieber den Untätigen.

Geliebte Illusion

Die prosaische Stimmung deckt sich mit der Textgestalt: Es sind Prosafetzen mit Zeilensprüngen und Pausen. Dragica Rajcic ist keine, die aus Rhythmen, Lauten und Reimen ihre Verse kunstvoll drechselt. Sie geht frontal auf ihre Sache und so auch auf Leserinnen und Leser zu. Ihre Stärke sind die Bilder, Sprache hingegen ist ihr nur ein Instrument. Um das gebrochene Deutsch schert sie sich nicht, oft ergibt sich beim Lesen daraus sogar ein Mehrwert, eine Aufmerksamkeit auf die Sprache, ein bedeutungsvoller Umweg. Manchmal allerdings erweckt dieses Markenzeichen auch den Anschein des sorglos und schnell Hingeworfenen: Wenn die Autorin im gleichen Gedicht einmal «nichts», ein andermal «nihts» schreibt oder wenn da steht: «Mahle ein Bild von dem was Du nicht malen könntest.» Fremd in der Sprache, fremd im Glück. Dragica Rajcic kennt diese Fremdheit, doch die Illusion, dass sie zu überwinden wäre, ist einen neuen Schreibversuch ebenso wie eine neue Liebe wert (wobei das eine vom anderen kaum zu trennen ist). Und daraus entsteht ein sympathisches Paradox: Diese Gedichte sind melancholische Mutmacher.

 

Wörtlich

Frauen wie ich

Frauen wie ich Verneinen jegliche beteiligung Am frauenähnlichen herz- schmerz Suchen wahrsagerinen Auf um zu hören Wie man sich am Besten Überlisten kann Mit einem Prinzen im Keller. Für Vorrat. Frauen wie ich legen kein wert Auf Sumulation der hoffnung Sie wissen Sich zu helfen Wenn sie in der handtaschen Ihre sehnsucht verliren. Sie rufen an. Falsche Nummer

Dragica Rajcic