"Buch von Glück": Rezension in "orte" 152/2007

Nennen sie freulein nicht freulein wenn sie / Sprache bestellen

An einem Gedichtband von Dragica Rajcic fällt zuerst der eigenwillige Ge­brauch auf, den sie vom Deutschen macht: Ungefiltert, unkorrigiert treten uns da die grammatischen Querschlä­ger einer Autorin entgegen, die eine ihr fremde Sprache schreibt. Das ist so, seit Rajcic vor mehr als zwanzig Jahren (übri­gens in "orte") ihre ersten Verse veröffent­licht hat. Da fragt man sich unvermeid­lich, ob dieses Ausländer-Deutsch nach so langer Zeit noch echt ist. Macht es mittlerweile nicht eher - und manch­mal fast zu sehr - den Eindruck einer Kunstsprache, mit der die Dichterin Ver­fremdungen erzeugt, jene für ihre Lyrik kennzeichnenden Brüche, Tempowechsel und Stockungen? Denkt man indes an den Ausländer-Slang, welcher den Umgangston unserer Jugendlichen in den letzten Jahren umgeprägt hat, so emp­findet man das Sprachfremden, an dem diese Autorin hartnäckig festhält, als will­kommene Bestätigung dafür, wie Dich­tung der Gesellschaft vorausläuft und um Jahrzehnte vorwegnimmt, was später in der Popkultur zurückflutet.

Die meisten Texte in Dragica Rajcic' "Buch von Glück* möchte man als Gedan­kenlyrik bezeichnen, vorgetragen in einem unauffälligen Konversationston. Nirgends leuchtende Bilder oder gesuchte Aus­drücke - eher ein grauer, gleichtoniger Sprachraum, durch den Alltagsgegenstän­de mit Wiedererkennungswert treiben: Haushaltwerkzeug, der Bus, die Fabrik. Bisweilen reiben sich die Verse so sehr an der Durchschnittlichkeit des Lebens, dass ihr Rhythmus etwas Atemloses, fast Gequältes bekommt... Doch gerade wenn sie die Sorgen und Ängste von je­dermann genauso festhält, wie jeder von uns sie ausdrücken wurde, findet die Autorin oft beunruhigend einfache Satze für komplizierte Gefühle. Denn so ver­traut uns die Welt dünkt, der wir in die­sen Texten begegnen - bei genauerem Hinsehen ist darin jede Wahrnehmung nicht anders als Rajcic Sprache, leicht verschoben, so dass schräge Blickwinkel entstehen. Besonders deutlich wird das, wenn die Gedichte einen ermunternden Ton annehmen, Anweisungen geben, wie das Leben zu meistern wäre. Das klingt bisweilen geradezu nach Lebens­hilfe - bloss dass die guten Ratschlä­ge nicht umsetzbar sind, sondern ver­wirrend, und damit Schranken errichten gegen die Scheinlösungen einer platten Gebrauchs-Psychologie.

Einen Schwerpunkt in dem Band bil­den Liebesgedichte, meist aus einem betont weiblichen Blickwinkel; oft ist vom Herzen die Rede. Allein entge­gen der Erwartung, die der Titel weckt, ist gerade das Glück der Liebe nicht schmerzlos, mischen sich in die Zunei­gung immer wieder Zweifel, das Bittere, der Verlust. So verstehen wir den einmal ausgesprochenen Wunsch: "wie hemd / ablegen die Liebe" - und zugleich wird klar, dass er unerfüllbar bleiben muss. Die Liebe, wie das Glück, ist eine ver­unsichernde Erfahrung, die sich nicht so leicht abstreifen lässt.

Den Liebesgedichten entgegen ste­hen andere, wo die Autorin Themen auf­greift, wie man sie von ihr erwartet: die Kondition des Ausländer-Seins, aber auch die Entfremdung von zu Hause, die dop­pelte Heimatlosigkeit, die zum Emigran­tenschicksal gehört (wie in "Dubrovnik"). Wie nah die Autorin hier immer noch bei sich selbst ist, merkt man an der durchdachten Prägnanz dieser Texte. Zu­gleich werfen diese ein neues Licht auf die anderen Gedichte: Das Fremdsein in Beziehungen, in der Sprache, im Glück, das diesen ihre Färbung gibt, erscheint als Spiegel dieser anderen Fremdheit, dieses Versetzt-Seins, der prägenden Erfahrung der Emigration.

Am Ende des Bandes schliesslich finden wir eine Sequenz von Texten über Dichtung. Ungeschminktes zu Erlebnissen an Lesungen und bei der Spracharbeit. Gerade diese genauen, gescheiten Texte bestätigen, wo die besondere Stärke dieser Autorin liegt: im Direkten und Provozierenden. Dragica Rajcic ist keine Dichterin des schwammigen Fühlens, sondern eine des Tatsächlichen und Konkreten.

Virgilio Masciadri