Rezension in der Neuen Württembergischen Zeitung vom 19.3.2007


Palästinenser-Schicksal spannend erzählt

Es ist fesselnd erzählt, macht ein bedeutendes Stück Zeitge­schichte begreiflich - und kommt aus Eislingen: Josef Alkatout greift in seinem Buch "Samla" die Geschichte seines Vaters auf, der als Kind aus Palästina vertrie­ben wurde und in Eislingen eine zweite Heimat fand. Der Roman erscheint jetzt in der vierten Auflage.


SANDRA KIRSCH 

Autoren gibt es im Kreis Göppingen eine ganze Menge - vom Mundartdichter bis zum Kri­mischreiber. Wenige sind allerdings so jung und mit ihrer ersten Arbeit bereits so erfolgreich wie der Eislin­ger Josef Alkatout. Der Roman "Samla" des 22-Jährigen war nach jeder Auflage ruck, zuck vergriffen. Jetzt wird die Geschichte, die den Bogen von der Vertreibung einer Palästinenserfamilie 1948 bis heute spannt, zum vierten Mal aufgelegt.

Alkatout hat sich mit seinem Ro­man an ein heikles Thema gewagt ­und es gemeistert. Frisch und ohne Vorbehalte erzählt er, wie 1948 jüdi­sche Soldaten in ein palästinensi­sches Dorf einmarschieren und die Bevölkerung in die Wüste schicken, wie manche sterben, andere sich durchkämpfen, Grenzsoldaten be­stechen und in angrenzende Län­der flüchten - für einige der Beginn eines neuen Lebens, für andere nur ein anderes Land, in dem sie ge­nauso arm und hilflos in Zeltsied­lungen vegetieren wie ihre verlore­nen Verwandten in der Wüste Paläs­tinas, das jetzt den Männern mit dem Stern gehört.

Alkatout bedient sich eines Kniffs, um die Geschichte der Ver­treibung zu erzählen: Im Zug bei Stuttgart begegnet seine Hauptfigur Nasser Marouf einem Mann, der ihn an einen jüdischen Soldaten er­innert, den er vor vierzig Jahren als Kind sah. Marouf erinnert sich an seine Kindheit, der Leser erlebt den Einmarsch der Soldaten und die Flucht eines ganzen Dorfes aus der Perspektive des kleinen Jungen, der im nächsten Jahr in die Schule ge­kommen wäre. Vieles von dem, was um ihn herum vorgeht, begreift der Junge noch nicht. Von der politi­schen Situation weiss er nichts. Aber er versteht Ungerechtigkeit und er versteht Menschlichkeit und er er­lebt beides, von jüdischer Seite ge­nauso wie von arabischer.

Die Familie des Jungen kann sich ein neues Leben erkaufen. Sie flieht nach Syrien, später geht die Reise für Marouf weiter nach Europa. Möglich wird das, weil der Vater den Familienbesitz als gläubiger Moslem nicht zur Bank getragen, sondern in Gold angelegt hat, das die Mutter unter ihren grossen Brüs­ten versteckt um den Hals trägt. Ma­roufs Odysee endet in Deutschland. 36-jährig beantragt er dort ei­nen Pass. Den ersten, den er als bis­lang "Staatenloser" je besessen hat.

Inspiriert hat Josef AJkatout die Lebensgeschichte des eigenen Va­ters, der als Kind mit seiner Familie aus Palästina vertrieben wurde und in Eislingen eine zweite Heimat fand. Alkatout ist dort mit seinen drei Geschwistern aufgewachsen und kannte die Heimat des Vaters nur aus Erzählungen, bis er sie zu­sammen mit der Mutter im Jahr 2000 besuchte. Sein Vater konnte die Reise nicht mitmachen, denn die vertriebenen Palästinenser dür­fen bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren.