"Lamento": Vernissagerede von Verena Stettler, 6.10.2008

Liebe Anwesende

Vor etwa 28 Jahren sprach mich eine Kollegin, die im gleichen Schulhaus unterrichtete, an: Ich sei doch nicht nur Lehrerin, sondern auch Verlegerin… eine Bekannte von ihr habe einen Text geschrieben, vielleicht wäre das ja was für uns, ob sie ihn mir schicken dürfe… Warum nicht, ich schau mal rein, versprach ich ihr vage und hielt bald darauf das Manuskript einer jungen Frau in den Händen, eine autobiografische Geschichte über ihren Ausbruch aus einer konventionellen Ehe, die bei ihr zu Depressionen geführt hatte, über das Vortasten in neue Lebensformen und das erwachende Selbstbewusstsein als Frau. Der Bericht endete optimistisch mit den Worten: „aus der traum von der lebenslangen harmonie. ich beginne zu leben.“

Die Geschichte gefiel mir, ich publizierte sie 1981 und das Buch wurde ein Erfolg: Es traf einen Nerv des Lesepublikums, gab den Gefühlen vieler Frauen Ausdruck und entsprach dem Bedürfnis, mit Worten Terrain zu erobern, weiblichen Lebenserfahrungen und weiblicher Sicht Gestalt, ja überhaupt Realität zu geben. Selbstfindung war eines der wichtigen Stichwörter in der Frauenbewegung. Die Autorin des Buches war natürlich Esther Spinner – und ihr Erstling „Die Spinnerin“ war eines der ersten Bücher, die ich – damals im eco-verlag – veröffentlichte. Es freut mich daher umso mehr, dass wir mit dem vorliegenden Text „Lamento“ nach all den Jahren wieder ein gemeinsames Projekt haben.

Wieder hat der Text einen autobiografischen Hintergrund – wobei sich die Autorin selbstverständlich dichterische Freiheiten nimmt – und wieder geht es darum, eine existentielle Erfahrung, oder soll ich sagen: eine persönliche Katastrophe, mit Worten einzukreisen, sie auszuloten, ihr entgegenzutreten und sie schöpferisch zu fassen. Diesmal geht’s allerdings um die Grenzerfahrung von Tod und Trauer und die verheissungsvolle kollektive Aufbruchstimmung der frühen Achtzigerjahre hat längst einer persönlicheren Weltsicht Platz gemacht. Die Schreiberin ist weitgehend auf sich selbst gestellt und macht ihren Weg im Wesentlichen individuell. Fast hätte ich gesagt: allein. Aber das stimmt so nicht: Da ist ja auch noch die Liebe als wesentliches Thema der Erzählung.

Lebenszeitlich gesehen schliesst „Lamento“ an Esther Spinners erste Bücher an, an die „Spinnerin“ und vor allem an „Nella“. Wer die beiden Werke gelesen hat, wird ProtagonistInnen und Situation wieder erkennen: die Schweizerin, die in Sardinien fasziniert in eine archaische Welt eintaucht, dort Fuss fasst und eine Wahlheimat findet, eine zweite Familie, eine neue Rolle – und eine Liebe. Die zu Antonella, Mutter von sechs Kindern, einer unabhängigen, kraftvollen Frau, welche als Mittelpunkt diese Gegenwelt im Gleichgewicht hält. Antonella verunglückt und damit gerät die Welt aus den Fugen. „Lamento“ schildert eindrücklich die Verlorenheit der Hinterbliebenen, wenn eine geliebte Person stirbt. Sie zeichnet eine Erfahrung nach, die – so persönlich sie ist – Allgemeingültigkeit für sich behaupten kann, in ähnlicher Form wohl auch von andern erlebt wird. Das Lamento, die Totenklage, hat denn auch dem Buch den Titel gegeben. Durch den Ausdruck des Schmerzes, das Wort, versucht die Erzählerin die Leere zu füllen, die durch den Verlust entstanden ist. Sie nimmt rituell Abschied von einer zentralen Person in ihrem Leben, von einer Epoche, ja: von einem Teil ihrer selbst und versucht damit das Trauma zu bewältigen. Wie es die Sprache aber so in sich hat, benennt sie nicht nur die Lücke, sondern füllt sie diese gleichzeitig schöpferisch, indem sie dem Vermissten Gestalt gibt.

So erleben wir als Lesepublikum nicht nur die Verlassenheit und die Trauer der Erzählerin mit, sondern tauchen auch in den Glanz ihrer Gegenwelt ein. Vor unsern Augen entsteht ein Sardinien, karg und farbig, rau und warm, das es in dieser Form nicht mehr ganz gibt – wie wir im dritten Teil des Textes erfahren: Esther Spinner hat die Insel spürbar nicht einfach als Touristin bereist, sondern sich intensiv auf das dortige Leben eingelassen und sich auch mit Geschichte, Literatur und Sprache auseinandergesetzt. Vor allem aber schenkt sie uns das Porträt Antonellas, das, mit liebendem und klarem Blick gezeichnet, deren Vitalität, deren Energie samt allen Ecken und Kanten aufleuchten lässt: ein Denkmal, das – ohne zu verklären – die Verstorbene in aller Schönheit und Unvollkommenheit erstehen lässt und uns in den Bann dieser ungewöhnlichen Frau zieht.

Kurz gesagt – mit Esther Spinners eigenen Worten: „Lamento“ ist ein Buch über den Tod, die Liebe und die Fremde. Drei Themen, die jedes für sich reich und vielschichtig sind und gemeinsam die Eigenart dieses Buches ausmachen. Überzeugen Sie sich selbst.

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