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Die Teufelspferdchen: Besprechung in der FAZ vom 15. November 2008 Der Himmel über Medellin Willkommen im Club der Blumenfreunde: In seinem Roman "Die Teufelspferdchen" erzählt der Kolumbianer Tomás González von einem Eigenbrötler in dessen Garten. Von Andreas Platthaus Dieses Buch von gar nicht epischen Ausmaßen verfügt gleichwohl über einen epischen Ton: "Das Haus steht am Rand der Kordillere und blickt auf die Stadt unten. Durch das Tal rinnt ein stinkender Fluss in einem Zementbett, und an windstillen Tagen ballt sich zwischen den hohen Bergen der Rauch und steht dort, prall von Sonnenlicht, hilflos leuchtend im Raum." So heißt es schon im ersten Absatz, und damit ist einer der Hauptakteure vorgestellt: das Haus an den Hängen über der kolumbianischen Stadt Medellín. Die anderen beiden sind die Bewohner dieses Hauses: ein Mann, der keinen eigenen Namen trägt, und dessen Frau Pílar.
Als der Protagonist das
erste Mal auftritt, heißt es über ihn nur: "Er liebt
es, in seinem üppigen Garten oder im Kaffeewald zu
verschwinden." Fortan wird er gar nicht mehr anders genannt als "der,
der sich zwischen den Pflanzen verliert". In der Tat kommt dieser Mann
der Welt abhanden, weil all sein Sinnen und Trachten der
Perfektionierung des Domizils gilt. Über Haus und Garten
vergisst er die Menschen - und sie vergessen irgendwann ihn. Tomás
González hat seinen Roman "Die Teufelspferdchen" in den
siebziger Jahren angesiedelt, jenem Jahrzehnt, als Medellín
zur Hochburg des Kokainhandels wurde und sich dort eine
Parallelgesellschaft innerhalb Kolumbiens entwickelte, die ein eigenes
Wirtschaftssystem, eigene Armeen und vor allem eine eigene Justiz
installierte. In dem Haus hoch über der Stadt ist davon wenig
zu spüren, aber die Söhne der Nachbarn fallen den
Bandenkriegen zum Opfer, und bisweilen stehen die Rächer sogar
vor der Tür, doch das Ehepaar am Berghang hat sich seine
eigene Welt geschaffen, in der die reiche tropische Natur ein
unauflösbares Bündnis mit dem Menschenwerk
eingegangen ist. Permanent werden im Laufe der Handlung um das
Grundstück Mauern und Zäune errichtet, am Haus Gitter
angebracht und Tore verstärkt, doch jede Befestigung ist
durchwirkt mit floraler Pracht, so dass die Retraite des Ehepaars ein
blühendes Bollwerk gegen alle Zumutungen der Umgebung
darstellt.
Dem Geschehen ist ein
Zitat aus "Robinson Crusoe" vorangestellt: "Auf dieser Palisade oder
Festung trug ich unter unendlichen Mühen meine ganze Habe
zusammen." Das trifft auf den namenlosen Protagonisten zu, aber auch
auf den Autor González selbst, der seine Bücher als
Zufluchtsorte nutzt, in denen er sein Leben versammelt. Deren Sprache
ist nicht maßlos oder schwelgerisch genug, um das Verlangen
eines breiten europäischen Publikums nach Exotik befriedigen
zu können, aber sie weist eine viel eher an dem mexikanischen
Autor Juan Rulfo als am kolumbianischen Landsmann Gabriel
García Márquez geschulte Präzision der
Wortwahl auf, die bei der Lektüre hohe Konzentration
voraussetzt. In seinem Nachwort legt der Übersetzer
Immer wieder wird etwa
der Blick auf die Stadt im Tal beschworen, doch jedes Mal wandelt sich
durch leichte Variation des rast- und morallosen Lebens dort unten die
Sprachmelodie um entscheidende Nuancen. Das Bild einer Metropole, in
der alles beim Alten bleibt - die ihre Früchte portionierenden
Obstverkäufer, die über finanzielle Angelegenheiten
debattierenden Kaffeehausbesucher, die Flugzeuge am Himmel -,
täuscht, denn mal sind es Ananas-, dann
Mangoverkäufer, mal geben ungedeckte Schecks das
Gesprächsthema ab und dann Gewinnspannen, mal starten
Flugzeuge, und dann landen sie. Diese im Einzelnen wechselnden
Beobachtungen werden zudem von González miteinander
kombiniert, so dass sich eine auf den ersten Blick fünffach
wiederholte Textpassage als fünffach individuelle
Situationsbeschreibung erweist. Das Leben in Medellín ist
ungleich lebendiger als das im Haus darüber.
Drei der bisher vier
Romane des 1950 in Medellín geborenen Tomás
González sind bislang auf Deutsch erschienen, dazu ein Band
mit drei längeren Erzählungen. In alle diese
Bücher ist viel Autobiographisches eingeflossen. Namentlich
die Romane erzählen nur leicht kaschiert vom Leben des jungen
Schriftstellers, der in seiner Prosa unter dem Namen David firmiert -
Künstler und Jüngster unter vier Brüdern,
deren Schicksale in wechselnder Folge den Stoff der Romanhandlungen
abgeben.
Am Schluss
heißt es: "Manchmal vergehen viele Stunden, ohne dass auf den
vier Hektar eine menschliche Stimme zu hören ist. Aber fast
die ganze Zeit ist angefüllt mit dem Klang der Hacke oder dem
Klang der Machete, und mittendrin hört man ihn wie ein Tier
zwischen den abgehauenen Ästen rascheln." Ihn - das meint den
namenlosen zweiten Bruder, der auf diese Weise David, der in den
"Teufelspferdchen" nur eine Nebenrolle spielt, genauso verlorengeht wie
die beiden anderen Brüder.
Der Titel des Romans verdankt sich einer volkstümlichen Bezeichnung für Libellen: caballitos del diablo. "Dieses Insekt", so wird einmal im Buch ein Lexikoneintrag zitiert, "hält sich im Gleichgewicht in der Luft." Genau das versucht auch das Ehepaar hoch über der Stadt. Doch die Menschen, das macht Tomás González ganz klar, sind dazu nicht gemacht. Wenn ihre Hoffnungen zu fliegen versuchen, sind sie wie der Rauch über Medellín: hilflos.
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