Rezension in der Aargauer Zeitung vom 15. Mai 2007

Emanzipation aus den Heilerfängen

In «Die Villa» thematisiert Elisabeth Jucker alternativ-esoterische Therapien.

EVA TICHY

Wichtigster Schauplatz von Elisabeth Juckers Roman «Die Villa» ist eine zerfallende Villa, in der Dr. Schenkel, ein selbst ernannter Guru, seine Heilkunst praktiziert. In seinen Einzel- und Gruppensitzungen geht es darum, innere Energie fliessen zu lassen, eigene Grenzen auszuloten, um den persönlichen Reifungsprozess voranzutreiben und zur «inneren Wahrheit» vorzustossen. Seine Arbeitsmethode, die Schenkel DMK (Direkte Manipulation am Körper) nennt, umfasst neben Meditation und offensichtlich intimen Berührungen auch gröbste Beschimpfungen der Patienten: Sie sollen die Kranken aus sich selbst herauslocken.


Schenkels Klienten ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen um labile Charaktere handelt, die nach einem höheren Sinn zu suchen scheinen. Dabei geraten sie in die Abhängigkeit des Meisters, der sie manipuliert und in mehrfacher Hinsicht auszunutzen weiss.

IN DIESEN ZIRKEL gerät die Protagonistin Viola, eine junge Frau, die als erfolgreiche Verkäuferin in einem Möbelgeschäft tätig ist. Trotzdem ist sie mit sich und ihrer Arbeit nicht zufrieden. Sie wünscht sich, Menschen in anderen Bereichen als bloss in der Wahl ihrer Wohnungseinrichtung zu beraten. In einem Zeitungsartikel stösst sie auf Dr. Schenkel und beschliesst, sich dort zur Heilerin ausbilden zu lassen.

Die Leser erleben die gesamte Handlung sozusagen mit dem Blick über Violas Schulter und können beobachten, wie sie auf den abstossenden Dr. Schenkel hereinfällt, dies jedoch erkennt und gegen die Abhängigkeit ankämpft. Obwohl sie von Anfang an nüchtern durchschaut, wie dubios seine Heilungsmethoden sind, fühlt sie sich zu ihm doch eigenartig hingezogen. Ebenso von der Villa, die trotz dem ständig muffigen Geruch und aller Schmuddligkeit eine magische Anziehungskraft zu haben scheint.

DIE WETTINGER AUTORIN lässt die Figuren ihres Romans wie in einem Theater auftreten. Die Leser werden zum Publikum, das die Handlung von aussen verfolgt und sämtliche Interpretationsarbeit selber leistet. Die Qualität des Romans liegt gerade darin, dass Elisabeth Jucker sich im Hintergrund hält, objektiv und nüchtern schildert, nie kommentiert oder das Urteil ihrer Leserschaft in irgendeine Richtung zu lenken versucht. So bleibt es auch den Lesern überlassen, was sie von Dr. Schenkels Therapiemethoden halten wollen.